Von Armin Ganser

Rund 170 000 Familienväter in der Bundesrepublik sonnen sich in einer Prestigeklasse, die ihrem Einkommen eigentlich verschlossen wäre. Sie sind Wochenendhaus- und Ferienbungalowbesitzer, sie genießen Urlaub mit Meeresblick an der Adria oder an der Côte d’Azur, den Winterurlaub verbringen sie in Cortina d’Ampezzo oder in Davos, und von Frühjahr bis Herbst sind Seeuferwiesen sogar in Landschaftsschutzgebieten für viele von ihnen ständiges Ausflugsziel am Wochenende.

Nur für zwei Prozent aller Bundesbürger ist der Traum vom Wochenendhaus auf eigenem Grundstück bisher in Erfüllung gegangen. Bauverböte, Sperrzonen, vor allem aber die hohen Kosten stehen dem Wunsch nach einem Plätzchen im Grünen entgegen. Caravan und Campingplatz schufen hier ein Ventil. Ein Hauch von Zigeunerromantik, ein hohes Maß von Unabhängigkeit, besonders aber die selbst für mittlere Einkommensgruppen zu bewältigenden Anschaffungskosten haben dem Wohnwagen in den letzten zehn Jahren zu einem beispiellosen Siegeszug in ganz Westeuropa und während der letzten fünf Jahre speziell in der Bundesrepublik verholfen.

Am 1. September 1966 gab es in der Bundesrepublik einschließlich Westberlin 88 400 Wohnanhänger. Inzwischen hat sich ihre Zahl auf 172 000 erhöht, also fast verdoppelt. Deutschland erlebt einen Wohnwagenboom, wie ihn selbst die stets optimistisch in die Zukunft blickenden Hersteller in ihren kühnsten Erwartungen nicht zu erhoffen wagten. Die Gesamtproduktion 1969 der deutschen Wohnwagenfabrikanten wird mit rund 35 000 Wagen einen Umsatzwert von rund 200 Millionen Mark erreichen. Dazu werden weitere 6000 Wagen im Wert von etwa 20 Millionen Mark importiert.

Der Caravan-Salon in Essen, der alljährlich im Oktober nicht nur die Neuheiten des Jahres präsentiert, sondern auch den Käufertrend anzeigt, markierte in diesem Jahr die Spannweite für den Erwerb von Wochenend- und Ferienglück auf zwei oder vier Rädern von 1850 bis 29 000 Mark. Bis 3500 Mark reichen die "Billigangebote". Diese preisgünstigen Wagen erleichtern vielen Familien den Umstieg von einer komfortablen Zeltanlage, die heute auch bereits fast 2000 Mark kostet, zum Wohnwagen. Oft wechseln solche "Anfangs-Caravaner" nach ein paar Jahren in einen besser ausgestatteten und größeren Wagen der Mittelklasse.

Der "Aufstieg" vom Camper zum Caravaner ist freilich nicht die Regel. Seit 1968 erwerben immer mehr Bundesbürger einen Caravan, ohne vorher den "Umweg" über die "Rheumawiese" durchlitten zu haben. Diese "neue Klasse" von Caravanern stellt freilich auch andere Ansprüche als jene, die zuvor dem einfachen Leben im Zeit huldigten. Die "neue Klasse" erwartet vom Wohnwagen höchsten Komfort: einen gemütlichen Wohnraum mit "Rundum"-Sitzgruppe, Toilette, Waschraum, Schlafabteil, Kinderbetten, geräumige Küche und viel Abstellflächen, dazu Fernseher, Kühlschrank und Heizung.

Für eine kleine Schicht aus höheren Einkommensgruppen, die sich "in älteren Jahren etwas gönnen möchte", hält die Branche Luxusangebote von 13 000 Mark an aufwärts bereit. Diese Caravaner müssen nicht mehr warten, bis die Kinder am Samstag aus der Schule kommen. Sie rollen bereits am Freitagnachmittag ins Grüne, Für sie baut ein Dutzend Hersteller "Großraum-Caravans" von sechs und mehr Metern Länge, die überwiegend "ortsfest" benutzt werden. Hier gibt es Hähnchengrills und eingebaute Tonbandgeräte, Wandklappbetten und elektrische Pumpwasserversorgung. Das späte Eheglück entfaltet sich auf weißen Betten vor einem drei Meter langen Spiegel am Fußende, an dem – wie Verbandssprecher Horst Sanden in Essen sagte – "Oswalt Kolle seine helle Freude hätte."