Von Cornelia Jacobsen

Fürsteneck

Zwanzig Kilometer von der Bischofsstadt Passau entfernt liegt Fürsteneck. Dieses idyllische Tausend-Seelen-Dorf ist in den letzten Tagen zu Ruhm, wenn auch nicht gerade zu Ansehen gekommen: Dr. Fritz Loew, ein ortsfremder Arzt, gebürtiger Sudetendeutscher, hatte in dem Drei-Häuser-Ort Aumühle, am Rande Fürstenecks, ein Grundstück mit zwei Häusern vom bischöflichen Ordinariat gekauft, um dort ein Heim für geistig behinderte Jugendliche aufzumachen. Die Dorfbewohner, allen voran der Pfarrer, sperrten sich dagegen und zwangen die ersten sieben Kinder und ihre Betreuerin zur Umkehr. "Wer aus dem Bus aussteigt, der fliegt in den Bach", hatte es geheißen.

Die Fürstenecker waren bei alledem recht fidel, denn sie hatten aus Protest gegen das Heim eine "Gaudi" mit Lagerfeuer und Bier auf dem Loewschen Grundstück veranstaltet. Plötzlich brannte der Dachstuhl eines der Häuser, aber niemand wollte etwas gesehen, gehört oder bemerkt haben. Die Feuerwehr ließ sich Zeit, der Heimleiter, den man ebenfalls fortgejagt hatte, eilte aus dem Nachbardorf herbei und wurde krankenhausreif geschlagen.

inzwischen steht das Heim leer, das Grundstück wird von der Polizei bewacht, und niemand weiß recht, was nun weiter werden soll. Der Pfarrer wurde vom bischöflichen Ordinariat suspendiert, die Bevölkerung aber boykottiert den herbeizitierten Amtsbruder aus Perlesreut und hält zu ihrem Hirten. Und vor allem: Sie schweigt.

Die Kirche liegt im Hof der alten Burg, die heute der Brauerei Fürsteneck gehört. Niemand ist zu sehen. In der Burg-Gaststube treffen den Gast mißtrauische Blicke. Der Herr Pfarrer? – dort hinauf, gleich am Kriegerdenkmal. Die Tür vom Pfarrhaus wird eilig verschlossen, hinter dem Riffelglas taucht ein großer deutscher Schäferhund auf und bellt. Im ersten Stock, hinter einem Blumenkasten mit bunten Petunien, erscheint der Kopf einer Frau. "Was wollen Sie? – Wir wollen nimmer!" Plötzlich kommen von allen Seiten her Leute angerannt. Männer, Frauen und Kinder. Ein Gerücht hatte sie zusammengetrieben: Unser Pfarrer ist bedroht. Aus dem Gasthaus, aus den Küchen und Ställen, von überallher stürzen sie zum Pfarrhaus.

Pfarrer Stetter tritt vor die Tür. Hinter ihm steht seine Haushälterin mit dem Schäferhund. Der ist jetzt ganz friedlich, und bedauernd bemerkt die Haushälterin: "Ganz abgestumpft ist der Rolf schon durch die vielen Fremden!"