Stuttgart

Z’erst möcht i’s schriftlich, dann riskier i’s!" – Diese Schwabenweisheit lastet gegenwärtig über dem Stuttgarter Talkessel. Hat doch der progressive Oberbürgermeister der Schwabenmetropole, Arnulf Klett, den kühnen Plan, aus diesem Häuserlabyrinth von Fachwerkquetschen, Eiermann-Kaufhaus-Fassaden und Gutbrod-Liederhalle ein neues Großstadtsymbol aufzuziehen. Vierzehn Stockwerke hoch soll das geplante Hotel "Stuttgart Intercontinental" werden, für das die Stadt ziemlich still und leise ein repräsentatives Grundstück an einer Hauptzufahrtsstraße, unweit der Neuen Weinsteige, zubereitet hat.

Klett, als Schwabe bekannt, als schwäbischer Dickkopf respektiert, hat es in dem ihm eigenen Stil ausgerechnet bei der Einweihung des Stuttgarter Hotels "Stuttgart-International" – an der Einfahrt der Autobahn – anklingen lassen: Er werde alles tun, "um auch künftig im Interesse unserer Stadt und ihrer Wirtschaft bei der Lösung dieser wichtigen Frage nochmals einige Schritte weiterzukommen".

Was aber im Interesse der Wirtschaft ist, scheint gar nicht so sehr im Interesse der vielen Wirtschaften und Wirtschäftle Stuttgarts zu sein. Immerhin artikulierte dies mikrophonwendend Erich Franck, der Chef des Stuttgarter Hotel- und Gaststättenverbandes, bei der Ouvertüre für die 350-Betten-Einweihung im "International". Nach Meinung der schwäbischen Hoteliers genügt es vorläufig, wenn die luxuriösen Auswärtigen in den neu aufgestellten internationalen Betten schlafen. Intercontinentale Betten brauche man jetzt nicht auch noch, schon gar nicht gleich 600 davon. Franck, von Klett provoziert, sagte es vor dem internationalen kalten Büfett: Die Stadt tue besser daran, "erst einmal die Voraussetzungen für die Intensivierung des Fremdenverkehrs zu schaffen, als den Bau weiterer Hotels zu fördern".

Drei Tage danach wurden die Hoteliers in ihrer Fachgruppenversammlung noch deutlicher und fingen an zu rechnen: 1960 seien die Betten der Stuttgarter Hotels noch zu 73,2 Prozent belegt gewesen, im letzten Jahr dagegen nur noch zu 63,4 Prozent. In den Hotels, Gasthöfen, Fremdenheimen und Ferienheimen zusammen sei die "Bettenbesatzung" – amtliche Belegungsrate – sogar von 61,9 Prozent auf 52,7 Prozent gesunken. Und da die Rentabilitätsschwelle nach Francks Berechnungen bei etwa 60 Prozent liegt, müßte man eigentlich folgern, daß viele Stuttgarter Gastronomen vor ihrer eigenen Tür säßen.

Nun kann aber Stuttgarts neuer Verkehrsamtsdirektor auch rechnen. Nach Peer-Uli Faerber und seiner Statistik sieht das so aus: Im letzten Jahr seien in den fünf großen Hotels der Innenstadt, die auch ein sehr großes Restaurationsgeschäft haben, die Betten zu 70,8 Prozent belegt gewesen. Die Hotels der gehobenen Klasse seien sogar überdurchschnittlich belegt gewesen. Es scheint wie beim Vesperbrot zu sein: Was für die Hausfrau belegt ist, ist für den hungernden Hausvater noch lange nicht genug.

Am deutlichsten brachte dies ein weitgereister Bonner Geschäftsmann per Fernschreiber zu Papier, der telegraphierte: