Von Victor Zorza

Immer wieder heißt es, die Regierung in Hanoi betrachte die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten als ihren besten Verbündeten – sie könne also warten. Doch ist es ganz falsch anzunehmen, derlei Entscheidungen würden von einem geeinten, monolithischen "Hanoi" getroffen. Das wäre das gleiche, als ob die amerikanische Haltung ausschließlich von den "Falken" in der Regierung geformt würde. Auch in Nordvietnam sind die "Tauben" in der Führung und in der Bevölkerung durchaus wirksam. Einzig die Zensur verhindert, daß der volle Umfang dieser Antikriegsstimmung der Welt bekannt wird.

Für diese Stimmung gibt es Anzeichen: In der Bevölkerung ist es das Nachlassen der Disziplin und die weniger entschiedene Reaktion auf die unaufhörlichen Propaganda-Appelle, noch größere Opfer für den Krieg zu bringen. In der Führung ist es die zunehmende Schärfe der Auseinandersetzungen zwischen dem rechten und dem linken Flügel der Partei.

Über die Jahre hin hat die Presse in Hanoi immer wieder jene defätistischen "Pazifisten" kritisiert, die sich durch das "trügerische Verhandlungskomplott" des Feindes hätten einfangen lassen. Diese Angriffe zielten klar auf die Führer des rechten Parteiflügels, die sich bei einer Regelung mit weniger begnügen würden als die "Falken". Aber mit wie wenig? Niemand vermag es zu sagen.

Geht man davon aus, daß in der Übergangsperiode nach dem Tode Ho Tschi Minhs die "Tauben" in einer günstigen Lage sind, die Grundzüge der Politik zu beeinflussen, dann ist die Chance für einen Sieg der Hanoier "Tauben" über die "Falken" um so besser, je größer die Konzessionen der Vereinigten Staaten ausfallen. In Washington hört man auf dieses Argument gewöhnlich den Einwand, Konzessionen würden lediglich die "Falken" in Hanoi stärken, die darauf verweisen könnten, daß ihre erfolgreiche Kriegführung die Amerikaner zum Einlenken bewegt habe. Dies ist sicherlich richtig. Es gibt aber nur einen Weg zur Einigung: Die USA sollten ein Paket von Konzessionen zusammenschnüren – und zwar so groß, so eindrucksvoll, so allumfassend, daß die Kommunisten überzeugt werden, dies sei das Äußerste, was die amerikanische Regierung je zu geben bereit ist.

Voraussetzung für dieses Verhandlungsprogramm wäre die Einstellung der Kämpfe. Militärisch müßte ein schrittweiser Rückzug angekündigt werden, politisch eine Regierungsform für Südvietnam, die den Vietcongs ihre persönliche und politische Existenz garantierte, aber sie daran hinderte, die Macht mit Waffengewalt an sich zu reißen.

Glaubwürdig wird dieses Programm nur dann wirken, wenn seine Vorschläge dazu beitragen, die amerikanische Regierung vom Druck der öffentlichen Meinung, zu entlasten. Dann könnten die Hanoier "Tauben" die "Falken" davon überzeugen, daß sich ihre größte Hoffnung wohl als illusiorisch erweisen werde. Am ehesten würde ein genau festgelegter Truppenrückzug, der 1970 oder 1971 beendet ist, diese Wirkung erzielen. Je früher der Endtermin liegt, um so stärker wäre die psychologische und politische Ausstrahlung des Angebots sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Hanoi und natürlich in Saigon, wo es der Regierung klarmachen würde, daß sie sich mit der Reform ihres Regimes beeilen muß.