Von Dieter E. Zimmer

Im Herbst 1945 sollten einige Tausend Angehörige der deutschen Wehrmacht, denen die Flucht von der zusammenbrechenden Ostfront nach Schweden gelungen war, an die Sowjetunion ausgeliefert werden. So bestimmte es ein Abkommen zwischen den beiden Regierungen, an das die Schweden sich schließlich auch hielten.

Da unter den Auszuliefernden auch 167 teilweise zwangsrekrutierte Balten waren, denen drakonische Bestrafung bevorzustehen schien, gab es damals erhebliche Proteste in Teilen der schwedischen Öffentlichkeit – einen "Meinungssturm", der sich zu einem nationalen Trauma entwickelte. In einem Faktenroman, der unter dem Titel "Die Ausgelieferten" vor einigen Wochen auch in deutscher Übersetzung erschien und in Schweden größte Aufmerksamkeit errregte, untersucht der junge schwedische Autor Per Olov Enquist auf skrupulöseste Weise jene Vorfälle des Jahres 1945. Nach seinem Buch wird jetzt ein Film gedreht. In dem Film soll Wochenschaumaterial verwendet werden.

Darunter befindet sich folgende Episode: Ein Internierungslager wird gewaltsam geräumt; unter den internierten Deutschen kommt es zu Selbstverstümmelungen; ein Soldat ist zu sehen, der sich die Handsehnen durchgeschnitten hat und blutend und weinend am Boden liegt; ein schwedischer Bewacher streicht ihm tröstend über das Haar.

Enquists Problem ist nun folgendes. Er ist überzeugt, daß die Auslieferung unvermeidlich und rechtmäßig war. Buch und Film sollen dieses Urteil erhärten. Aber diese eine Episode wirkt emotional so stark, daß sie seine Argumentation gefährdet. Nichtsdestoweniger ist sie authentisch. Aber was authentisch ist, muß noch nicht die Wahrheit sein. Welche formalen Mittel stehen ihm also zur Verfügung, die punktuelle Wahrheit einer Episode zugunsten der größeren Wahrheit des politisch-sozialen Zusammenhangs zu relativieren? Oder: Wie kann sich ein Dokumentarist gegen die beschränkte Wahrheit des nur Authentischen wehren?