Kantara, im Oktober

Das Lokal liegt an der Durchgangsstraße von El Arish, auf halbem Wege zwischen Gaza und Kantara am Suez-Kanal. El Arish ist auf dieser Strecke entlang der Mittelmeerküste die letzte bewohnte arabische Stadt. Danach kommt nur noch Einsamkeit, Leere, Stille: die Wüste Sinai mit ihren hochgewehten Sandhügeln, dazwischen zerschossene Bahnstationen, ausgebrannte Panzerwracks, gefällte Telephonmasten, aufgerissene Gleise der Linie, die einmal von Damaskus bis Kairo führte. Von El Arish bis zum Kanal sind es noch rund zweihundert Kilometer – ohne Menschen, ohne Leben.

Unterbrochen wird diese Route ins Niemandsland nur durch ein paar Kolonnen arabischer Arbeiter, die mit Spaten und Besen die Asphaltstraße, die einst die Engländer für ihre Angriffe gegen Rommel angelegt hatten, vom Wüstensand säubern. Dann und wann kreuzt auch einmal ein einzelner Beduine den Weg. Er scheint von nirgendwoher zu kommen und nach nirgendwohin zu wandern. Die Spur seiner nackten Füße verliert sich in der Weite der Wüste.

Vier später kommt dann eine Siedlung, die junge jüdische Pioniere vor einem Jahr aufgebaut haben, dann das Hauptquartier der israelischen Armee dieses Distrikts, geschützt von Panzern und Flugzeugabwehrgeschützen. Und schließlich der Kanal – die Grenze zwischen den Feinden. Hier ist Krieg, Tag und Nacht, seit mehr als Hier Jahren. Ein unerklärter, aber höchst realer Krieg, mit Toten und Verwundeten, Bomben, Granaten und Gewehrkugeln.

In El Arish spürt man noch wenig davon. Nur wenn die großen Busse eintreffen, beladen mit bärtigen, lachenden Soldaten, die zur Wachablösung an den Kanal transportiert werden, erinnern sich auch die Araber in dieser letzten Stadt vor der Einsamkeit, in welcher Welt sie leben. Es ist Kriegszeit in Sinai, noch immer und wohl auch noch für lange Zeit. Die Soldaten, zwanzigjährige Rauhbeine in unordentlichen braunen Uniformen, die unverwüstliche Uzi-Maschinenpistole lässig über die Schulter gehängt, bevölkern das Lokal. Sie bestellen türkischen Kaffee und arabisches, gefülltes Brot. Auf das Schild über dem Eingang achten sie schon gar nicht mehr. Darauf steht in ungelenken, weißen Buchstaben: "Restaurant zum Frieden".

Um vier Uhr morgens sind wir in Tel Aviv aufgebrochen. Als Führer und Beschützer begleiten uns zwei Offiziere, beide Reservisten. Der schnauzbärtige, füllige Major ist von Beruf Rechtsanwalt, Spezialgebiet Verkehrsdelikte; der Oberleutnant, ein gebürtiger Holländer, arbeitet als Innenarchitekt. Beide haben im Juni 1967 mitgekämpft, in Sinai, am Jordan, in der Jerusalemer Altstadt und auf den Golan-Höhen. Für einen Monat sind sie jetzt wieder in der Armee.

Als wir durch die vom Regen aufgeweichten Straßen des Gaza-Streifens fahren, legt sich der Major seine Uzi parat und mustert aufmerksam die Menschen in den Häusereingängen. In Gaza, dem größten Flüchtlingslager der Welt, gibt es immer wieder Zwischenfälle. Fast kein Tag vergeht, an dem nicht aus sicherem Versteck eine Handgranate auf einen Wagen oder in eine Menschenansammlung geworfen wird. Gaza ist auch für die Israelis ein gefährliches Pflaster. Sie können die Zahl der untergetauchten palästinensischen Terroristen nur schätzen.