In Westdeutschland fahren die Autos der Straßenplanung davon. Die Verkehrsexperten sagen mit ohnmächtigem Ingrimm eine, düstere Zukunft voraus: die permanente Stoßzeit. Unsere Städte werden in Blechfluten ersticken, der Verkehr wird den Verkehr verschlingen wie Uranos seine Kinder. Wenn nicht etwas geschieht...

Es muß etwas geschehen. Das war das Resümee des Deutschen Straßen tags 1969, zu dem die Deutsche Straßenliga (ein Interessen verband von Industrie, Baugewerbe und Autoklubs) viele Sachverständige ins verkehrsgepeinigte München (eine halbe Million Autos) eingeladen hatte. Das tragende Thema der Tagung: Pläne und Geld für neue Straßen.

Die Verkehrssituation spitzt sich von Jahr zu Jahr mehr zu. In der Bundesrepublik gibt es heute rund 12,5 Millionen Autos (vor vier Jahren 9,5 Millionen). Und die Autoindustrie hat Hochkonjunktur. Die Zulassungsquoten von September 1969 liegen um 15,9 Prozent über den Neuanmeldungen im gleichen Monat des Rekordjahres 1965. Die paradiesischen Freuden von persönlicher Unabhängigkeit und mühelosem Raumgewinn drohen sich in das Entsetzen irdischer Chromhöllen zu verwandeln. Wenn nicht etwas geschieht...

Natürlich geschieht schon etwas. Der Bund hat die Ausgaben für Straßenbau in den letzten vier Jahren mehr als verdreifacht, und zwar von 1,4 auf 4,5 Milliarden pro Jahr. Bis 1985 sind im Bundeshaushalt etwa 93 Milliarden Mark für neue Straßen verbindlich eingeplant.

Die Stadt München, immer noch ohne Umgehungsstraße, hat in zehn Jahren für 800 Millionen Mark Straßen gebaut und hat heute ein Straßennetz von 1900 Kilometern. Es geschieht schon etwas, doch es reicht nicht aus. Den Städten und Gemeinden fehlen in den nächsten zehn Jahren für Straßenbau etwa 29 Milliarden Mark.

Im Kreis der Verkehrsexperten gab es keinen Zweifel, daß bei weitem nicht genug geschieht, um das drohende Chaos abzuwenden: die permanente Stoßzeit. In fünf Jahren werden aller Voraussicht nach auf unseren Straßen 17 Millionen Autos fahren wollen. WB