Von Marcel Reich-Ranicki

Hervorragende Leistungen, ein imponierender Reichtum, eine grandiose Entwicklung – wenn man das auch nicht unbedingt der deutschen Literatur unserer Tage nachrühmen kann, so gewiß der bundesrepublikanischen Buchwerbung.

Doch je größer ihre Dimensionen und ihre Intensität, je massiver und raffinierter ihre Methoden, desto mehr scheint es mir Aufgabe und Pflicht der Kritik zu sein, dieser mit Hilfe oft beträchtlicher Fonds organisierten Beeinflussung und Lenkung, Verwirrung und Verdummung des Publikums und übrigens auch der Buchhändler beharrlich und womöglich systematisch entgegenzuwirken.

Dazu sollte neben der Ablehnung des uns mit steigernder Impertinenz bedrängenden und mitunter von namhaften Autoren stammenden Schunds auch der Hinweis auf jene literarischen Gegenstände gehören, die so klein und unscheinbar sind, daß sie leicht der allgemeinen Aufmerksamkeit entgehen könnten – obwohl sich gerade sie als die wahren Höhepunkte der Saison erweisen.

Von einem solchen Buch soll hier die Rede sein –

Mario Szenessy: "Otto der Akrobat", Erzählungen; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 120 S., 12,– DM.

Szenessy ist vorerst noch ein Außenseiter: Er kommt aus Ungarn, lebt seit 1963 in der Bundesrepublik und schreibt deutsch. Längst kein Jüngling mehr (er wurde 1930 geboren), kann er fast noch als Anfänger gelten, denn sein literarischer Weg begann erst vor zwei Jahren mit dem Roman "Verwandlungskünste".