Von Alex Natan

The Times Literary Supplement" kritisierte neulich Biographien, die nichts anderes als "politischen Journalismus" vorstellten, der sich "in der Randzone zwischen historischer Forschung und populärer Unterhaltung angesiedelt" habe; solche Bücher seien mit Informationen angefüllt, die eher aus zweiter als aus erster Hand stammen und nur um des Effektes willen ausgewählt werden. "Es handelt sich hier indessen um eine legitime Antwort auf eine legitime und populäre Nachfrage."

Wie soll sich nun der Kritiker verhalten, der ein Werk von 1150 gelehrten Seiten der Zeitgeschichte zur Lektüre empfehlen soll, das weitgehend auf verschlossenen privaten Dokumenten beruht, zu denen der Leser keinen Zutritt besitzt, dem keine Bibliographie beigegeben worden ist und dessen überwältigende Masse an Fußnoten nicht immer verläßlich wirkt? So der Fall bei

Reith Middlemas and John Barnes: "Baldwin"; Verlag Weidenfeld & Nicolson, London 1969; 1150 Seiten, 5 gns.

Stanley Baldwin ist vierzehn Jahre lang konservativer Parteiführer und dreimal Premierminister zwischen den Weltkriegen gewesen. Er besitzt wohl den umstrittensten Ruf unter den modernen englischen Regierungschefs. Trotz zweier existierender Biographien wird sein Bild auch weiterhin in der Geschichte schwanken. Daran ändert der neue monumentale Versuch sehr wenig. Die Kunst der politischen Biographie beruht auf der Begabung des Biographen, einen sicheren Kurs zwischen einem persönlichen Porträt und der Darstellung einer Epoche zu steuern. Dies ist den Autoren trotz erheblicher Arbeit nicht gelungen, so daß ein Kritiker dieses Werk "das massivste Mausoleum dieses Jahrhunderts" nennen konnte.

Pfeife als Tarnung

Baldwin hat dieses Schicksal nicht verdient. Immerhin hat er die Abdankungskrise um Eduard VIII. mit außerordentlichem Geschick gelöst und dafür nach seinem Rücktritt fast sykophantische Ehrungen eingeheimst. Wenige Jahre später freilich wurde er als "der schuldige Mann" verschrien, der Englands rechtzeitige Aufrüstung verhindert habe. Deswegen verfolgte ihn Lord Beaverbrook mit seinem grenzenlosen Haß bis zu seinem Tode. Und deswegen wäre eine Ehrenrettung am Platze gewesen.