Von Georg Picht

Fragen wir nach der europäischen Wissenschaftspolitik in den siebziger Jahren, so fragen wir nach der Rolle Europas in der zukünftigen Welt. In der wissenschaftlich-technischen Zivilisation haben nur solche politischen und sozialen Gefüge eine Zukunft, die sich das Forschungspotential zu schaffen vermögen, auf dem die Leistungsfähigkeit einer modernen Wirtschaft und die Funktionsfähigkeit einer modernen Gesellschaft beruhen. Deswegen konstituieren sich die Subjekte der zukünftigen Geschichte – die Vereinigten Staaten wie China, Japan wie die Sowjetunion – durch ihre Wissenschaftspolitik. Das geschieht wegen der Rapidität der technologischen Entwicklung in einem Wettlauf mit der Zeit. Die siebziger Jahre werden vermutlich definitiv darüber entscheiden, ob der Begriff "Europa" in der zukünftigen Welt nur eine historische Reminiszenz bezeichnen wird oder ein politisches, wirtschaftliches und geistiges Zentrum, das zum Aufbau der neuen Welt etwas beitragen kann.

Wenn Europa In den siebziger Jahren eine neue Epoche seiner Geschichte eröffnen soll, werden die Europäer sich darüber klar werden müssen, wie sie den Begriff "Europa" definieren wollen. Politisch ist Europa nie eine Einheit gewesen. Geographisch bezeichnet der Ural nur in schlechten Schulbüchern seine Grenze. Historisch ist Europa ohne Byzanz und Ephesus, ohne Jerusalem und Alexandria nicht zu denken. Die Neigung, nur das Kleineuropa der EWG mit dem Namen "Europa" zu bezeichnen, steht im Widerspruch zu allen Traditionen, auf die sich ein europäisches Selbstverständnis gründen könnte. Oxford und Uppsala, Warschau und Prag, Moskau und Leningrad sind Brennpunkte jenes geistigen und geschichtlichen Feldes, das wir "Europa" nennen, auch wenn der binneneuropäische Zwist, der ebenfalls zu den europäischen Traditionen gehört, die Einheit Europas heute zu zerreißen droht. Das Westeuropa in den siebziger Jahren als autarke und geschlossene Einheit nicht zu denken ist, ergibt sich schon aus seiner strategischen Lage. Unter den technischen Bedingungen des Atomzeitalters kann Westeuropa von seinem eigenen Boden aus nicht verteidigt werden; es bleibt strategisch von den Vereinigten Staaten abhängig; deshalb kann es aber auch politisch nicht nach dem Modell eines souveränen Staates aufgebaut werden. Westeuropa wird also – gleichgültig, welche Form der Integration sich durchsetzt – daran interessiert sein müssen, daß die USA sich auch wirtschaftlich in seinem Gebiet noch stärker engagieren. Es wäre politisch wie ökonomisch Selbstmord, wenn Westeuropa den Vereinigten Staaten gegenüber eine Autarkiepolitik betreiben wollte.

Die Form des klassischen Nationalstaates läßt sich der kulturellen Einheit, die man Europa nennt, nicht oktroyieren – sie gehört einer versunkenen Geschichtsepoche an. Europa ist nur als ein offenes System zu denken; keine Grenzen zu haben, das war schon im Mittelalter "Europa". Eine potentielle Größe ist Europa in der zukünftigen Welt durch seine Kultur. Sein möglicher Einfluß beruht auf dem Umstand, daß auch heute in allen Kontinenten Menschen der verschiedensten Rassen und Religionen leben, die als Europäer denken und empfinden und die durch ihre Sprachen den Traditionen der europäischen Kultur verbunden sind. Eine Wissenschaftspolitik, die sich europäisch nennt, wird stets im Auge behalten müssen, daß das spezifische Gewicht Europas nicht auf den Techniken beruht, die andere ebenso gut oder besser beherrschen; rein technisch droht Westeuropa wie militärisch zu einem Außenposten der Vereinigten Staaten zu werden. Seine immer nur relative Selbständigkeit wird es erst dann wiedererringen, wenn es durch die Erkenntnis neuer politischer und geistiger Aufgaben ein europäisches Selbstbewußtsein entwickelt. Dann vermag es durch den Reichtum seiner geschichtlichen Traditionen in einer zerrissenen Welt als integrierende Macht zu wirken und so den außereuropäischen Völkern Impulse zu geben, die nur von diesem Kontinent ausgehen können.

Die Feststellung, daß Westeuropa weder strategisch noch wirtschaftlich autonom sein kann, daß es England und Skandinavien umfassen und, trotz aller Gegensätze, für Osteuropa wie für Spanien und Portugal offen sein muß, hat für die Orientierung der europäischen Wissenschaftspolitik weitreichende Konsequenzen. Die Wissenschaftspolitik orientiert sich nach fiktiven Zielen, wenn sie sich durch die amerikanische oder auch die sowjetrussische "Herausforderung" dazu aufreizen lassen will, mit Rußland oder den USA oder gar mit beiden gleichzeitig zu konkurrieren und sich als eine dritte Weltmacht zwischen die beiden Giganten zu schieben. Ein Blick auf die Landkarte genügt, um jeden nüchtern denkenden Menschen zu belehren, daß einer solchen Konzeption die reale Basis fehlt. Isoliert kann Westeuropa nicht bestehen. Alle seine Chancen liegen in der Kooperation mit jenen Mächten, auf deren Schultern heute die Verantwortung für die machtpolitische Ordnung unseres gefährdeten Planeten ruht. Europa hat dann eine Zukunft, wenn es für die Supermächte in der Gestalt, die es sich zu geben vermag, unentbehrlich ist.

Die Herausforderung, vor die sich Westeuropa gestellt sieht, liegt also nicht in der uneinholbaren Überlegenheit der Amerikaner oder der Russen – beim Aufbau nuklearer Waffensysteme oder bei der Fahrt auf den Mond konkurrieren zu dürfen, ist schließlich ein recht zweifelhafter Vorzug – die Herausforderung an Westeuropa liegt in der Frage, ob wir der Aufgabe gewachsen sind, zur Lösung der großen Weltprobleme einen Beitrag zu leisten, der auch politisch unser Gedeihen für die übrigen Völker der Welt interessant macht. Ein solcher Beitrag ist zugleich die einzig wirksame Sicherheitsgarantie; Westeuropa wird sich so lange behaupten können, als es durch seine wirtschaftliche und seine wissenschaftliche Leistungsfähigkeit für die Supermächte, von denen sein Schicksal abhängt, unentbehrlich ist. Das europäische Potential so zu entwickeln, daß die übrige Welt sich nicht leisten kann, darauf zu verzichten: das ist die Aufgabe der europäischen Politik, vor allem aber der europäischen Wissenschaftspolitik in den siebziger Jahren.

Deshalb können die Zielsetzungen der europäischen Wissenschaftspolitik nur im Hinblick auf eine zukünftige Arbeitsteilung der hochentwickelten Industriegesellschaften, nicht aber unter den kurzsichtigen Perspektiven, die uns der Konkurrenzneid vorzeichnen will, definiert werden. Überprüft man die großen Weltprobleme, die nur durch eine solche Arbeitsteilung gelöst werden können, so zeigen sich "technologische Lücken", die größer und beängstigender sind als der "technological gap" zwischen Westeuropa und den Vereinigten Staaten. Das wird deutlich, wenn man sich einige elementare Sachverhalte moderner Wissenschaftsplanung klarmacht, mit denen jede Wissenschaftspolitik zu rechnen hat.