Das Abitur gilt in unserem Bildungssystem als Nachweis der Reife zur Beschäftigung mit Wissenschaft. Und die Promotion zum Doktor soll dann eine selbständige wissenschaftliche Leistung bescheinigen.

Wenn es möglich wäre, die Abituraufsätze der heute prominent im öffentlichen Leben Stellenden zu publizieren, könnte jene Reife-Fiktion sich als revisionsbedürftig erweisen.

Leider werden Abiturarbeiten, allen Forderungen nach Transparenz entgegen, mehr oder minder geheimgehalten.

Aber Doktorarbeiten, die sind veröffentlichungspflichtig. Und auch sie können ganz kuriose Aufschlüsse geben.

Jedenfalls war das mein erster Eindruck, als mir Beate Paulus von ihrer selbständigen Leistung berichtete, die darin bestanden hat, alle Prominenten-Doktorarbeiten, deren sie habhaft werden konnte, für uns zu sichten.

Auffällig schon: die Arbeiten, deren sie nicht habhaft werden konnte. Das erklärt sich bei näherem Hinsehen im Fall Dr. Kurt Georg Kiesinger: sein Doktorgrad ist nicht durch wissenschaftliche Leistung, sondern der Ehre wegen (honoris causa) erworben.

Nicht auffindbar waren aber auch die Doktorarbeiten eines prominenten Mitgliedes der letzten Regierung und eines nicht minder prominenten der amtierenden: weder die Dissertation des ehemaligen Verteidigungsministers Dr. Gerhard Schröder noch, die des amtierenden Wirtschaftsministers Professor Dr. Karl Schiller wird in den Katalogen geführt. Unseres Wissens verstößt das gegen die Promotionsordnung. Wir werden die Erklärung dafür suchen.