Von Marianne Kesting

Mag die Psychoanalyse auch heute noch mehr Gegner als Freunde zählen – es ist nicht zu leugnen, daß Freuds Lehre sich als umstürzlerisch erwies auf allen Gebieten, mit denen sie überhaupt in Berührung kam, nicht nur in der Medizin und Psychologie, sondern auch in der Philosophie, Soziologie, Anthropologie, Ethnologie, Mythologie, Geschichtsschreibung, schließlich sogar in der Ästhetik und der künstlerischen Produktion.

Der Band

Sigmund Freud: "Bildende Kunst und Literatur", Freud-Studien-Ausgabe Band X, herausgegeben von Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 325 S., 18,– DM

zeigt Freud leidenschaftlich interessiert an Archäologie, Kunstgeschichte und Literatur. Er betrieb sie mehr aus Liebhaberei, war aber persönlich mit vielen Künstlern befreundet, erwies sich, obgleich er sich immer als Laien bezeichnete, als subtiler Literaturkenner und war, wie längst festgestellt worden ist, selber ein bedeutender Schriftsteller und hervorragender Stilist. Es reizte ihn zeit seines Lebens, die künstlerische Produktion auf ihren psychoanalytischen Gehalt, zu untersuchen, und er stellte öfter, nicht ohne Genugtuung, fest, daß viele Dichter psychoanalytische Erkenntnisse vorweggenommen und damit bestätigt hätten.

Natürlich sagen solche Feststellungen nichts über den ästhetischen Gehalt eines Buches aus. Immer hat Freud betont, daß Rang, Aufbau und ästhetische Kriterien von Kunstwerken nicht Objekt seiner Forschung seien. Aber gerade indem er die Kunst nicht nach ihren ihr eigenen Kriterien untersuchte, sondern sie zum Seiten- und Anwendungszweig der Psychoanalyse machte, griff er das Selbstverständnis der Künste an. Freud wies zum Beispiel nach, daß Dichtung eine Art Tagtraum sei und daß in ihr ähnliche Gesetzmäßigkeiten walteten wie im Traum selbst, ja, daß in ihr das Unbewußte reguläre Traumarbeit leiste. Damit nahm er die Dichtung aus dem ihr eigenen Bereich heraus. Wenn in ihr die gleichen Mechanismen vorwalten wie in der Psyche eines jeden Menschen, werden, unter dem Blickpunkt der Psychoanalyse, Kunst und Nichtkunst austauschbar.

Freud nahm so, ohne es eigentlich zu wollen, teil an der wissenschaftlichen Beschneidung der Künste.