Von Joachim Schwelien

Auf dem Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer liegt eine kleine Auswahl seiner Sammlung von fünfhundert Tabakspfeifen, die er allesamt benutzt. Die Vitrinen um seinen Schreibtisch sind mit erlesenen chinesischen Vasen und Statuetten gefüllt, und auf einem Bord steht ein Exemplar des von ihm verfaßten und von Kennern hochgeschätzten Werkes "Das goldene Zeitalter der chinesischen Kunst". Hugh Scott, republikanischer Senator aus Pennsylvanien, ist ein Mann mit anspruchsvollen Hobbys, die seine weitläufige Bildung und einen über die Politik hinausreichenden Kenntnisdrang illustrieren.

Viel Zeit findet er allerdings für sie nicht mehr, seit er vor einigen Wochen als Nachfolger des verstorbenen Everett Dirksen zum Fraktionsvorsitzenden der Republikaner im Senat gewählt wurde. Mit diesem Posten ist der Auftrag verbunden, das Gesetzesprogramm des Präsidenten im Senat durchzupauken, die oft einander widerstrebenden Flügel der Fraktion zusammenzuhalten, Allianzen mit den Demokraten zu schmieden und auch Einfluß auf die Gesamtpartei in allen fünfzig Bundesstaaten auszuüben.

Scotts Vorgänger Dirksen war ein wortgewaltiger Herr aus dem Mittelwesten, konservativ geprägt, ein barockes Original, schlagfertig, zitatfest und witzig, ein in ganz Amerika bekannter Charakterkopf mit schlohweißem Haar und einer rauchig-röhrenden Baßstimme. Hugh Scott ist urbaner, geschliffener und gemäßigter, doch fehlt ihm noch die rechte Autorität. Die hat er sich jetzt zu erstreiten – in der Fraktion und auch gegenüber dem Weißen Haus, dem er keineswegs ein gefügiger Handlanger ist.

Das bewies Hugh Scott erst kürzlich, als er mit dem, seinem Parteiführer und Präsidenten Richard Nixon keineswegs genehmen, Vorschlag hervortrat, die USA sollten in Vietnam einen Waffenstillstand einseitig deklarieren. Dies war eine Überraschung, denn früher galt Scott als einer der "Falken" auf dem kapitolinischen Hügel. In den heißen Vietnam-Debatten der vergangenen Jahre empfahl er anfänglich sogar die Sperrung des Hafens Haiphong – durch eine Blockade oder mit anderen militärischen Mitteln. Aber Scott hat die Hand am Puls des Volkes.

So geht er heute davon aus, daß die Republikanische Partei ebenfalls als "Friedenspartei" auftreten muß, wenn sie im Tritt bleiben will. Senatoren vom rechten Flügel der eigenen Fraktion wie Barry Goldwater und John Tower tadeln ihn wegen seines Haltungswechsels, sind aber wie alle seine Widersacher außerstande, ihm zu zürnen. Dazu ist Hugh Scott viel zu umgänglich und liebenswert – der rare Typ eines Politikers, dem niemand wirklich böse sein kann.

Scott ist 68 Jahre alt; er hat dem Kongreß mit einer kurzen Unterbrechung seit 27 Jahren, erst als Abgeordneter, dann als Senator, angehört. Von Herkunft ist er Rechtsanwalt; mit dem Bärtchen auf der Oberlippe, der Pfeife zwischen den Zähnen und seinem runden Gesicht wirkt er jovial und kordial. Aber er kann messerscharf und sehr ironisch argumentieren, wenn er, fast stets ohne Manuskript, flüssig von der Leber weg spricht, sei es im Plenum oder im Ausschuß oder bei den ungezählten zeremoniellen Anlässen, bei denen er jetzt in Erscheinung treten muß. Niemand läßt sich gern mit ihm auf ein Wortduell ein, denn seine Sentenzen stechen scharf. Als einer der Senioren des Kongresses befindet er sich mit anderen einflußreichen Mitgliedern des Senats aus beiden Parteien in der Gleichgestimmtheit der "Klubatmosphäre", in der sich so leicht Brücken über Parteigegensätze schlagen lassen. So ist das Verhältnis Scotts zum Fraktionsführer der Demokraten, Mike Mansfield, harmonisch ungetrübt.