Unsere Reihe der Spiele-Kritiken, die wir jeweils im Herbst veröffentlichen, beginnt diesmal mit der Kritik unseres Spiele-Kritikers Eugen Oker. Er hat ein Spiel erfunden, mit dem sich hier Carl Amery beschäftigt. Von der nächsten Ausgabe an kritisiert wieder Eugen Oker.

In jenen Zeiten, in denen man Gefühle und Schnurrbartspitzen hochzuwirbeln pflegte, auch wenn sie nicht wollten, durfte in keinem bürgerlichen Haushalt der Zitatenschatz fehlen. Meist waren es Büchmanns "Geflügelte Worte", die man bei Tischreden und anderen unpassenden Gelegenheiten in den Äther entließ.

Lang sind sie vorbei, die Zeiten; die Waldund-Wiesen-Rhetorik der Altvorderen ist zusammen mit dem wilhelminischen Vertiko aus der Mode geraten – aber so wie diese alten Möbelstücke, leicht irrsinnig bemalt, ihr Comeback feiern, so kann man auch, in rein spielerischer Weise, das Zitatenbedürfnis von einst in Pop-Konsum umfunktionieren. Dieser Tage erscheint:

PARODI – Ein literarisches Kartenspiel von Eugen Oker (oder: ein literarisches Karten- oder geflügeltes Büchmann-Spiel zum fast mühelosen Verfertigen gebildeten Unsinns für zwei bis sechs Spieler, mit 192 Zitatkarten, 24 Blankokarten und einer Gebrauchsanweisung) im Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen; 14,80 DM.

Den Buchschuber und die Rückseite der Kärtchen ziert ein mechanisch-amphibischer Pegasus altvaterischer Machart.

Das Prinzip des Spiels ist erschütternd einfach. Der überkommene Zitatenschatz, up to date gebracht bis Brecht und Werbe-Slogan, ist in meist halbteilige Montage-Einheiten zersägt, welche nun zu Nutz und Frommen aller Beteiligten zu neuen Architekturen zusammengebaut werden können.

Der Verfasser hat sich Mühe gegeben, ein aufgefächertes Angebot an Spielregeln zu bieten; entscheidend sind sie nicht. Das eigentliche Entzücken besteht in der Absonderung dieser Montagelyrik selbst: