Von Fritz Eitel

Anlaß zu der umstrittenen Studie war die zunehmende Zahl von Kriegsdienstverweigerungen innerhalb der Bundeswehr. Sie führte sogleich zur Kernfrage, ob nicht ein nicht ausgleichbarer politischer Widerspruch zwischen dem Grundrecht der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen und der gesetzlichen allgemeinen Wehrpflicht besteht. Denn offenbar wird politische Aktivität erforderlich, wenn die Zahl der Kriegsdienstverweigerer stark ansteigt.

Dem politischen Widerspruch entspricht ein theologischer. Im Jahre 1948 erklärte der Weltkirchenrat in Amsterdam: "Wir bezeugen einmütig: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Die Rolle, die der Krieg heute im internationalen Leben spielt, ist Sünde wider Gott und eine Entwürdigung des Menschen... Der Krieg bedeutet etwas völlig anderes als früher." Zweifelsohne hatte das Erleben des totalen Krieges diese neue theologische Aussage provoziert.

Die Unmenschlichkeit des Krieges hatte einen im christlichen Glauben immer vorhandenen, oft aber an den Rand der Tradition gedrängten pazifistischen Geist aktiviert. Im ersten Anlauf fiel ihm die Lehre vom "gerechten Krieg" zum Opfer. Allerdings nicht mehr in ihrer Urform, die das Ziel hatte, den Krieg zu humanisieren, sondern in der deformierten Form einer Lehre, die den Krieg und die Beteiligung an ihm unter bestimmten Umständen rechtfertigte.

Dieses Wort von Amsterdam hat zwei Funktionen: eine sozial-ethische und eine individualethische. Erstens verbietet es, den Krieg als nicht zu vermeidendes Schicksal anzusehen, es stellt ihn vielmehr in die menschliche Verantwortung. Allerdings darf nicht übersehen werden, daß es von der "Rolle des Krieges" spricht und damit ein schicksalhaftes Moment einführt, so wie der christliche Sprachgebrauch von Sünde die "Erbsünde" stets mit umschließt. Zweitens schafft es dem Kriegsdienstverweigerer eine fast unanfechtbare moralische Basis.

Unter diesen Voraussetzungen war es nicht anders möglich: Kriegsdienstverweigerung mußte als christliche Entscheidung anerkannt werden. Der Kriegsdienstverweigerer wird gegenüber allen, die einen Krieg führen, ins Recht gesetzt. Er will, darf und kann sich ja an einem Unternehmen nicht beteiligen, das "die Rolle der Sünde" spielt.

Das Verhalten einer Gesellschaft, die Verteidigung mit militärischen Mitteln noch immer für ein Mittel der Politik hält, bedarf der Rechtfertigung vor dem Geist von Amsterdam. Denn das Wort des Weltkirchenrats verlängert die Situation von 1945 als bleibendes Gericht in alle Zukunft hinein. Wahrscheinlich sind wir auch deshalb so unruhig über Vietnam, den Krieg im Nahen Osten und jeden anderen Fall militärischer Gewalt. Das ist nicht nur Angst, es ist das Erschrecken vor den Zeichen jenes Gerichtes. Und bei keinem denkbaren zukünftigen Krieg werden wir noch einmal dahinter zurückkommen.