Von Ben Witter

Pastor Ernst Kruse blickt vom Eßzimmertisch über den Hof auf den Herrensaal der St.-Jacobi-Kirche zu Hamburg und auf die vorreformatorische Sakristei. In der Wohnung, geräumig, hell, stehen vereinzelt Biedermeiermöbel. Pastor Kruses Sohn hat ein Wahlplakat der ADF an seine Zimmertür geschlagen; er studiert Geschichte und war Bundestagskandidat jener Partei. Der Vater lobt die Stimme seines Jüngsten. Man kann sie im Kirchenchor hören.

Pastor Kruse setzt sich an den Schreibtisch in seiner Pfarrstube. Auf zwei Rückseiten abgelegter Schreiben der Landeskirche hatte er sich Notizen gemacht: In Hechthausen bei Stade wurde er geboren; sein Vater war Arzt, der Großvater Apotheker. Zehn Semester studierte Ernst Kruse Naturwissenschaften, um ins Höhere Lehramt einzutreten. Während der zwei Semester Philosophie kam er über Kant und Hobbes zur Theologie; und außerdem gab es im Jahre 1931 genug Studienräte. Da er auch die Turnlehrerprüfung abgelegt hatte, erteilte er Unterricht im orthopädischen Turnen; und er gab Nachhilfestunden. Auf diese Weise versuchte er, sein Theologiestudium zum Teil selbst zu bezahlen.

Nach den praktischen Lehrjahren drängte es ihn in die Diaspora. Salzburg war sein Ziel. Er hatte viel über Salzburg gelesen und immer wieder von Salzburg geträumt. – Ein Blatt mit seinen Notizen wölbt sich; Pastor Kruse streicht es glatt.

Nachdem er im Hamburger Stadtteil Wandsbek 1938 mit sechs Kollegen ordiniert worden war, kam ein Brief aus Salzburg. Eine zweite Pfarrstelle wurde dort gerade neu eingerichtet. In Salzburg blieb Pastor Kruse bis 1947. Fünftausend Seelen betreute er, viertausend in der Stadt und eintausend im Umkreis von dreißig Kilometern. Jede Woche erteilte er zwölf Stunden Religionsunterricht; und er half Flüchtlingen aus Bessarabien und der Nordbukowina. Gauleiter Gustav Adolf Scheel, vormals Reichsstudentenführer, der jetzt nicht weit von der Hamburger St.-Jacobi-Kirche entfernt eine Arztpraxis betreibt, stellte auf sein Drängen für sie die Lebensmittelkarten zur Verfügung.

Die Siebenbürger Sachsen schufen einen "Sachsenhain"; und am Fuße eines Hügels, auf dessen Spitze eine katholische Kirche stand, bauten sie eine evangelische mit Gemeindehaus, Gastwirtschaft und Kegelbahn.

Pastor Kruse schildert diese Entwicklung mit gleichbleibender Stimme, die sich ein wenig über die Mittellage erhebt. Das Gesicht ist unbewegt, Er sagt, daß er ohne Emotionen sei, die habe seine Frau, und daß er Pathos meide. Kein einziges Mal verziehen sich die Schmisse auf seiner linken Wange; einer reicht bis in den Mundwinkel. Pastor Kruse war Burschenschafter in Kiel, ein "Krusenrotter", und focht neun Mensuren; zwei waren ungenügend. Der Wahlspruch der "Krusenrotter" lautet: "Treu wie Gold und fest wie Eichenholz." Niedergeschrieben ist er auf Plattdeutsch. Pastor Kruse übersetzt ihn, und seine Stimme klingt voller.