Kein Attentäter im Dritten Reich, nicht einmal Staufenberg, ist dem Erfolg so nahe gewesen wie der Tischler Georg Elser, der am Abend des 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller hinter dem Rednerpult Adolf Hitlers eine Bombe explodieren ließ. Wider Erwarten hatte Hitler jedoch seine Rede zum Gedenken an seinen Putsch vom 9. November 1923 früher als sonst beendet; wenige Minuten vor der Explosion verließ er das Lokal, um noch die Bahn nach Berlin zu erreichen. Für sein ungewöhnliches Verhalten hatte er später einen einleuchtenden Grund anzugeben: Wegen des Novembernebels habe er auf das Flugzeug verzichten und deshalb den Abendzug benutzen müssen. Er durfte sich nicht länger als unbedingt nötig von der Hauptstadt fernhalten, da er am nächsten Tag über den Termin des geplanten Westfeldzuges entscheiden wollte.

An dieses Attentat, bei dem acht "Alte Kämpfer" der Nazi-Partei getötet und etwa sechzig verletzt wurden, knüpften sich sofort die abenteuerlichsten Gerüchte. Innerhalb der deutschen Widerstandsbewegung, die sich damals um die Abwehrzentrale des Admirals Canaris formierte, glaubte man zunächst an ein "gestelltes Attentat", einen Propagandatrick, der Hitler im Volke neue Popularität verschaffen sollte. Diese Vermutung lag um so näher, als am Tage darauf auf holländischem Grenzgebiet bei Venlo zwei britische Geheimdienstoffiziere – Captain Best und Major Stevens – von der SS entführt wurden, denen die Nazis alsbald die Schuld am Attentat anhängten.

Dieser "Zwischenfall von Venlo" brachte die Pläne der Offiziersverschwörung gegen Hitler erheblich durcheinander; die bereits über den Vatikan angeknüpften Kontakte zur britischen Regierung wurden für längere Zeit unterbrochen. Walter Schellenberg, Chef des Amts IV E (Gestapo/Abwehr) im Reichssicherheitshauptamt, hatte sich nämlich bei mehreren Zusammenkünften mit den britischen Agenten als Offizier und Mitglied der Opposition ausgegeben. Beim letzten Treffen lockte er die Briten so nahe an die Grenze, daß sie überwältigt werden konnten.

Nach 1945, als noch andere von den Nazis angezettelte Affären bekannt wurden – der sogenannte Röhm-Putsch, die Fritsch-Affäre, der Luftangriff auf Freiburg – ging die Version vom bestellten Attentat unbesehen in die Geschichtsbücher ein. Angesehene Historiker wie Gerhard Ritter, Hans Rothfels und Allan Bullock machten sie sich zu eigen. Der erste prominente Zeuge, der sich unmittelbar nach dem Krieg zum Thema äußerte, war Martin Niemöller. Er will in den Konzentrationslagern mehrmals von SS-Leuten gehört haben, Georg Elser sei Unterscharführer der SS gewesen und habe das Attentat "auf Hitlers persönlichen Befehl" verübt. Andere wollten von hohen Geldbeträgen wissen, die Elser ausgehändigt worden seien. Tatsächlich hatte er, als Zollbeamte ihn beim Fluchtversuch an der Schweizer Grenze festnahmen, nur ein paar Mark in der Tasche.

Neuerdings hat sich auch das "Europäische Komitee zur wissenschaftlichen Erforschung der Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkriegs" in Luxemburg anheischig gemacht, die Schuld der Nationalsozialisten am Bürgerbräukeller-Attentat nachzuweisen, dasselbe Komitee, das den Reichstagsbrandprozeß neu aufrollen will (siehe ZEIT Nr. 43/1969). Inzwischen hat jedoch der Münchner Historiker Anton Horn, Archivierter im Münchner Institut für Zeitgeschichte, eine detaillierte Untersuchung vorgelegt, die sogar Professor Rothfels überzeugt hat, daß Elsers Alleintäterschaft nunmehr schlüssig bewiesen ist.

Hoch hat die beiden Berichte kritisch analysiert, auf die sich bisher alle berufen hatten, die an ein abgekartetes Spiel glaubten. Einmal war es das Buch des britischen Geheimdienstoffiziers S. Payne Best, der mit Elser zusammen im Konzentrationslager gesessen hat. (Die Nazis planten einen Schauprozeß mit Best und Elser, in dem das Attentat dem Secret Service und dem abtrünnigen, emigrierten Nationalsozialisten Otto Strasser zur Last gelegt werden sollte.) Best will die Lebensgeschichte Elsers durch einen Kassiber erhalten haben. Der andere, der Elsers "Vermächtnis" überlieferte, war einer seiner Bewacher, der SS-Unterscharführer Walter Usslepp. Er brachte seine Geschichte 1956 in "Heim und Welt" unter und dann doch einmal neun Jahre später, allerdings abgewandelt, in der Fernsehsendung "Panorama". Hoch hat genau nachgewiesen, wie viel an beiden Erzählungen schlicht falsch ist; außerdem widersprechen sie sich in wichtigen Punkten. Sein Nachweis wird im Oktoberheft der "Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte" nachzulesen sein.

Aus der Untersuchung Anton Hochs über Leben und Tat des schwäbischen Tischlers Georg Elser, veröffentlichen wir im folgenden einen stark gekürzten Auszug. K. H. J.