Das wichtigste Problem der Kleinen Koalition wird die Gesundheit sein. Die Gesundheit ihrer Abgeordneten. Ein Tag im Leben des Abgeordneten S. wird in Zukunft etwa so aussehen:

Er wacht auf, mißt seine Temperatur und gibt sie an die Parteizentrale weiter. Da sie unter 41,3 liegt, muß er aufstehen, und zum Frühsport antreten. Bevor er seinen täglichen 5-km-Waldlauf beginnt, darf er noch seine Frau anrufen und ihr mitteilen, daß er sich im AL (Abstimmungs-Lager) Kaltenbach befindet und sich schon sehr auf das Wiedersehen zu Weihnachten freut.

Dann muß er noch schnell zum Fraktionsarzt, der sich nach seinem letzten Herzinfarkt erkundigt und ihn dann af (abstimmungsfähig) schreibt. Draußen auf dem Gang stellt S. fest, daß an seiner Tragbahre immer noch sein Name fehlt. Es ist jetzt 7 Uhr 30, also muß er zum ersten Zählappell, dem heute noch 12 weitere folgen werden. Auf dem Wege dorthin trifft er seinen heutigen AW (Abstimmungs-Wächter), der dafür verantwortlich ist, daß S. bei der Abstimmung über das Gesetz zur vorbeugenden Vorratssicherung anwesend ist.

Auf dem Wege ins Dampfbad trifft er einen von Wehners Abstimmungs-Assistenten. Der fühlt ihm gleich den Puls und ermahnt ihn, seinen Spinatsaft morgens auszutrinken, den ihm der Fraktionsarzt verordnet hat. Dann muß ihm S. seinen Stundenkontrollzettel zeigen. Wo und mit wem war S. am Mittwoch zwischen 6 und 7? S. wird rot. Er hatte sich mit Monika im "Eldorado" getroffen – und vorher nicht abgemeldet!

"Wir sprechen uns noch – um 11 Uhr 15 beim Hammelsprung", ruft der Assistent. Dann gehts zum Wiegen. 6 kg Übergewicht – S. bekommt eine neue, fettlose Diät verpaßt, die vor allem auf Rhabarber basiert. Dann wird S. mit den anderen in Bereitschaftswagen zum Bundeshaus transportiert.

Auf dem Wege dorthin klagt Dieter über furchtbare Zahnschmerzen. Er meldet sich bei der AA (Abstimmungs-Aufsicht). Dort liegen unbestätigte Geheim-Informationen vor, wonach zwei CDU-Abgeordnete ebenfalls an Zahnschmerzen leiden. Wenn es Dieter gelingt, einen von ihnen zu überreden, der 2. Lesung des "Gesetzes über die Anhebung der Rentenausgleichs-Versicherung" fernzubleiben, darf er zum Zahnarzt. Aber nur dann. –

S. hilft Dieter bei der Suche. Im Bundestagsrestaurant endlich finden sie einen mit geschwollener Backe, aber das ist leider nur einer von den eigenen parlamentarischen Staatssekretären. Dieter stöhnt. Er ist eben erst über seinen Listenplatz in den Bundestag nachgerückt und hat sich das alles einfacher vorgestellt. Wie nun S. in den Plenarsaal will, kommt ihm Rainer Barzel entgegen. S. verspürt einen leichten Schüttelfrost. "Na, Herr Kollege, wie gehts?" fragt der Barzel.