Von Bernhard Voigt

Rom, im Oktober

Italien erlebt und erleidet in diesen Wochen den ihm von den Gewerkschaften ebenso wie von den politischen Auguren vorausgesagten "heißen Herbst". Tagtäglich sind Hunderttausende von Arbeitnehmern der verschiedensten Industriezweige und Dienstleistungsbetriebe im Streik. Immer wieder kommt es in einzelnen Fabriken und Städten zu Gewalttätigkeiten.

Eine schwache Regierung, die sich nur die relative parlamentarische Mehrheit der Democrazia Cristiana, stützen kann und deshalb auf die Unterstützung der anderen drei einander befehdenden Mitte-Links-Parteien angewiesen ist, tut ihr Bestes, um die beinahe chaotischen Zustände unter Kontrolle zu halten. Eine überzeugende Führung vermag sie nicht zu geben. Von den vier Parteien des parlamentarischen Regierungslagers haben die Sozialisten und die Sozialdemokraten noch nicht annähernd den Schock der Spaltung überwunden, befinden sich die christlichen Demokraten in einer schweren innerpolitischen Krise.

Die Zukunftsaussichten für die italienische Demokratie erscheinen höchst besorgniserregend. Und dies besonders deshalb, weil nach dem Auseinanderbrechen der Vereinigten Sozialistischen Partei und der darauf erfolgten Auflösung der Mitte-Links-Koalition jetzt auch noch die Democrazia Cristiana als Führungskraft auszufallen droht. In der Partei hat sich die stärkste Einzelgruppe, die seit etwa zehn Jahren maßgebend den Parteikurs bestimmen konnte, aufgelöst. Die "Dorotei", wie sich die Angehörigen dieser Gruppe nannten, sind plötzlich als Kristallisationskern für eine innerparteiliche Mehrheitsbildung ausgefallen.

Vordergründig ging es bei dem Streit der "Dorotei" außer um persönliche Intrigen um die Frage, wie das Zwischenspiel der Einparteienregierung Rumor am besten und am schnellsten zu beenden sei. Rumor und Piccoli plädierten für die Reaktivierung der Vier-Parteien-Koalition der "linken Mitte" oder, falls sich das als unmöglich erweisen sollte, für Neuwahlen. Colombo sprach sich zwar auch dafür aus, daß man zunächst eine Neuauflage der Viererkoalition versuchen sollte, er lehnte aber Neuwahlen als Alternative ab und ließ für den äußersten Fall eher seine Bereitschaft zu einer "kleinen Koalition" zwischen christlichen Demokraten und Sozialisten – also ohne Sozialdemokraten und Republikaner – durchblicken.

Das Problem, um das es in Wahrheit geht, ist freilich nicht Viererkoalition oder Zweierkoalition, Neuwahlen oder keine Neuwahlen, sondern auf längere Sicht die Neuregelung des Verhältnisses zwischen Christdemokraten und Kommunisten. Sowohl in der Democrazia Cristiana als auch bei den Sozialisten scheint von Monat zu Monat die Zahl derjenigen zuzunehmen, die glauben, daß eine Bewältigung der italienischen Entwicklungskrise, wie sie sich in diesen Wochen wieder in den schweren sozialen Auseinandersetzungen manifestiert, gegen den Widerstand der nach wie vor machtvollen kommunistischen Partei kaum möglich sei. Sie streben deshalb den allmählichen Einbau der KP in das demokratische System an.