Herbert Marcuse, Gesellschaftskritiker, Kämpfer gegen den Kapitalismus und oft auch Vater der außerparlamentarischen Opposition genannt, promovierte 1922 an der Albert-Ludwig-Universität, Freiburg, über das Thema "Der deutsche Künstlerroman".

In seiner Dissertation versucht Marcuse "den Entwicklungsgang des deutschen Künstlerromans von seinen Anfängen im Sturm und Drang bis zu Thomas Mann zu verfolgen". Er wollte dabei nicht so sehr Material sammeln und ordnen als vielmehr "die Wesenheiten aufzeigen, in denen die historischen Erscheinungen wurzeln".

Es wurde ein langes Werk, ein – selbst für dieses umfassende Thema – zu langes. Denn Herbert Marcuse fiel es schwer, sich in der Diktion von den oft gefühlsbeladenen Romanen des 18. und 19. Jahrhunderts zu lösen.

Nicht selten sind Stellen wie diese:

"An Lottes Seite tritt Werther aus der unendlichen Einsamkeit in die klare Endlichkeit, in das Glück der Gemeinschaft. An ihrer Seite begreift er die Schönheit des Endlichen, lernt er Menschen lieben und achten, die tausend stillen Kleinigkeiten des Alltags schätzen und begehren. Und wie um sein Aufgehen im Endlichen, in der Gemeinschaft zu vollenden, scheint aller Zwiespalt zwischen Subjektivität und Außenwelt, idealischer Innerlichkeit und objektiver Wirklichkeit überwunden."

Oder:

"Und jetzt erst wird die tiefste Tragik des Künstlertums offenbar: dies Leben, das ihm letzten Wert bedeutet, ist ihm versagt, dem Wissenden und Erkennenden, dem Gezeichneten mit der dunklen. Unrast und dem durchschauenden Blick verschließt sich das Glück menschlicher Gemeinsamkeit, und sehnsüchtig bleibt er abseits und einsam, vaterlandslos. Hermann Bang gab die erschütternde Gestaltung dieses Künstlertums, das erst mit Thomas Mann seine Überwindung gefunden hat" (S. 396/97).