Von Andreas Hillgruber

Über die Wehrmacht im "Dritten Reich" sind in der Bundesrepublik viele Veröffentlichungen – Studien und Dokumentationen verschiedenster Qualität – erschienen und sie erscheinen weiter, weil die Thematik von Politik und Kriegführung seit jeher zu den bevorzugten Forschungsgebieten der deutschen Geschichtswissenschaft gehört. Aber wissenschaftlich weithin ungeklärt ist die Stellung der großen Wirtschaftsorganisationen und Interessengruppen im nationalsozialistischen Staat, ja, es mangelt sogar an zuverlässigen Detailuntersuchungen. Damit aber fehlt noch immer eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine Analyse der gesellschaftlichen Struktur des "Dritten Reiches" im Kriege. Sie ist nicht nur überfällig, sondern wäre auch zum Verständnis der Nachkriegssituation grundlegend.

Der Fehlanzeige westdeutscher Historiker stand bislang auf Seiten der Historiker im kommunistischen Deutschland ein Pauschalurteil gegenüber, das sich auf die "Agenten"-Theorie des Komintern-Kongresses von 1935 stützte. Nach ihrer Meinung hat Hitler auch in der Zeit des voll ausgebildeten nationalsozialistischen Herrschaftssystems nach 1936 und im Kriege als Werkzeug des "staatsmonopolistischen Kapitalismus" der Konzerne und Großbanken gehandelt.

Diese Situation – Verschweigen und Nichtzur-Kenntnis-Nehmen hier, fertiges Rezept dort – hat sich in letzter Zeit verändert, und zwar durch einen Dokumentenband, mit dem führende jüngere Historiker der Deutschen Demokratischen Republik die westdeutsche Zeitgeschichtsforschung herausfordern:

"Anatomie des Krieges. Neue Dokumente über die Rolle des deutschen Monopolkapitalismus bei der Vorbereitung und Durchführung des Zweiten Weltkrieges"; hrsg. und eingeleitet von Dietrich Eichholtz und Wolfgang Schumann; VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1969; 524 Seiten.

Die Herausgeber sind leitende Mitglieder des Arbeitskreises "Zweiter Weltkrieg" der Ostberliner Akademie der Wissenschaften, die eine in Konzeption und Disposition bereits bekannte vierbändige "Geschichte Deutschlands im Zweiten Weltkrieg" vorbereiten. In ihrer Einleitung halten sie zwar an der Komintern-These fest. Aber trotz politisch-propagandistischer Tendenzen spiegeln ihre 35 Seiten Text und die 281 Dokumente doch den Forschungsstand wider. Faktisch ist diese Ausgabe doch ein Schritt vorwärts auf einem Weg, der schon länger zu beobachten ist: Die historischen Forschungen und Darstellungen in der Deutschen Demokratischen Republik werden differenzierter. Wenn die westdeutschen Zeitgeschichtsforscher diese Veränderung "drüben" nicht genügend beachten, könnte dies schwerwiegende Folgen für ihre Position in der internationalen Forschung haben.

In diesem Falle kann daher die "Antwort" auf die Herausforderung aus Ostberlin nur lauten: Die Rolle der Wirtschaftsverbände und industriellen Interessengruppen in der Kriegszielpolitik und in der Besatzungspolitik des "Dritten Reiches" in den Jahren 1939/45 muß endlich angemessen behandelt werden. Zumindest in einem Punkte haben die Ostberliner Historiker mit ihrer Kritik im ganzen recht: Die vielen zwar ungedruckten, aber doch verfügbaren Dokumente aus den Nürnberger Prozessen – ganz abgesehen von den Materialien, die seit Rückführung der erbeuteten deutschen Akten hinzugekommen sind – wurden bisher nicht in gleichem Maße wie die diplomatischen und die militärischen Akten intensiv ausgewertet.