Hermann Bohle:

Im Frühjahr werden wir auf einer halben Million Tonnen Butter sitzen, und pro Jahr kommen weitere 280 000 bis 320 000 Tonnen dazu, die niemand in Europa mag. 14 Prozent mehr Zucker, als die 180 Millionen Europäer kosumieren, eine Million Tonnen in den Vorratshäusern; dazu sieben Millionen Tonnen unverkäuflicher Weizen. Wir produzieren hundertprozentig in der EWG alle Eier, die wir brauchen, ebenso Schweinefleisch und Geflügel. Daneben türmen sich unvertilgbare Massen an Tomaten, Äpfeln und Pfirsichen. Im Gemeinsamen Markt übersteigt fast die gesamte landwirtschaftliche Produktion die Nachfrage – die einzige Ausnahme bildet das Rindfleisch.

Das ist die erdrückende Bilanz im grünen Europa. 1960 zahlten die sechs Mitgliedsstaaten der EWG zur "Marktstützung", also zum Aufkauf von Überschüssen und deren subventioniertem Export in alle Welt, 500 Millionen Dollar. Heute ist es bereits das Vierfache: 2 Milliarden. Bis 1980, so befürchtet Dr. Sicco Mansholt, Vizepräsident der Europa-Kommission und zuständig für die Landwirtschaftspolitik, werden die Lasten der EWG-Agrarordnung auf 10 Milliarden Dollar ansteigen – wenn nichts geschieht.

Die Europa-Gemeinschaft der "Sechs" sieht sich mit ihrem scheinbaren Meisterstück um einen Triumph betrogen. Jahrelang rühmten sich die landwirtschaftlichen Eurokraten in Brüssel, erstmals in der modernen Geschichte sei es gelungen, die nationalstaatliche Agrarpolitik von sechs Staaten in einem gemeinsamen System auf einen Nenner zu bringen. Tatsächlich gibt es kein anderes Beispiel der modernen Geschichte dafür, daß dieser Versuch auch nur gewagt wurde.

Jetzt schwillt der Chor jener an, die Sicco Mansholt, den Vater des grünen Europas, zum Teufel wünschen: Er sei an allem schuld. Er habe die europäische Kommission und nach ihr die ganze Sechs-Länder-Gemeinschaft auf den Weg eines protektionistischen, Überschüsse provozierenden Systems geführt, das dazu noch Europas Handelspartner vor den Kopf stößt. Die Agrar-EWG, die ein festes Band um Europa schlingen und damit eine Integration fördern sollte, wird heute abfällig als "Ideologie" abgetan.

Nach der Aufwertung der Mark schlug Anfang dieser Woche für den europäischen Ministerrat, der in Luxemburg zusammengekommen war, wieder einmal die "Stunde der Wahrheit". Jetzt wird erkennbar, daß die Zuständigen in den sechs Hauptstädten das begreifen, was der deutsche Bauernverband und der bisherige Landwirtschaftsminister Höcherl seit Monaten sagen: Es ist ausgeschlossen, die wirtschaftliche Integration nur in einem Bereich – dem agrarischen – total zu vollziehen, aber in anderen Bereichen – Wirtschaft, Konjunktur, Währung – darauf zu verzichten.

Bundesernährungsminister Ertl hielt in der Tagung seine Jungfernrede vor den europäischen Partnern und forderte die "heilsame Flucht nach vorn", nämlich eine koordinierte, gemeinsame Wirtschafts- und Konjunkturpolitik der sechs Staaten als Basis für eine währungspolitische Union. Sie allein kann künftig – so predigt es die Europakommission seit fünf Jahren – Paritätsänderungen in der EWG überflüssig machen. Nur so, meinte Ertl, sei zu vermeiden, daß das agrarpolitische EWG-System der gemeinsamen Preise ins Wanken gerät.