DIE ZEIT

Ohne Schwulst, ohne Schnörkel

Wer sich von Willy Brandt eine deutsche Version der Antrittsrede des amerikanischen Präsidenten Kennedy erhofft hatte – wortgewaltig, mitreißend, von visionärer Kraft –, wird von der neuen Regierungserklärung enttäuscht sein.

Rügen haben kurze Beine

Wehners Gegenfigur, der Oppositionschef im Parlament, hatte recht mit dem Vorwurf, daß der Bundeskanzler schlechten politischen Stil an den Tag gelegt hat, als er in Fernseh- und Presseinterviews Teile seines Regierungsprogramms bekanntgab, bevor er zur offiziellen Erklärung das Rednerpult des Bundestags betrat.

Schonfrist für Schiller

Die Erschöpfung ist allgemein. Nach einem 169 Tage währenden Streit um die Aufwertung der Mark sind nun alle froh, daß die Entscheidung gefallen ist.

Amnestie für Demonstranten

Der neue Justizminister Jahn hat ein großes Erbe zu verwalten. Heinemann und Ehmke praktizierten, was liberale Justiz sein sollte.

Stil und Gesinnung

Nehmen wir alles nur in allem: Der politische Stil in unserem Lande hat sich verfeinert. Die bloße Erinnerung an die fünfziger Jahre, wo in Bonn noch alles rustikaler und verbitterter, wenn nicht gar feindselig ausgefochten wurde, sie genügt, um den Wandel bewußt zu machen.

Führer der "Wahrheits-Staffel"

Auf dem Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer liegt eine kleine Auswahl seiner Sammlung von fünfhundert Tabakspfeifen, die er allesamt benutzt.

ZEITSPIEGEL

Abgesetzte, gejagte oder geflohene gekrönte Häupter haben es oft schwer, wieder eine feste Bleibe zu finden. Exkönig Idris beispielsweise – vor zehn Wochen noch Herrscher über Libyen – denkt heute in der kleinen griechischen Stadt Kammena Vourla über sein Schicksal nach.

Noch ist die CDU verwirrt

Rainer Barzel versuchte zu besänftigen und geriet dabei aber gleich in Zorn. Das war, als Willy Brandt gesagt hatte: "Wir haben sowenig Bedarf an blinder Zustimmung, wie unser Volk Bedarf hat an gespreizter Würde und hoheitsvoller Distanz", und hinzugefügt hatte, das Selbstbewußtsein seiner Regierung werde sich als Toleranz zu erkennen geben.

Kurt Becker: Verankert im Westen

Bundeskanzler Brandt hat mit der Tradition aller seiner Vorgänger in Bonn gebrochen und sich in seiner Regierungserklärung nur kurz und allgemein mit den in früheren Jahren viel pathetischer angelegten Kapiteln der Sicherheitspolitik und der europäischen Einigung befaßt.

Marion Gräfin Dönhoff: Geöffnet nach Osten

Wer in der Bundesrepublik zu Fragen der Ostpolitik Stellung nimmt, wird entweder als Kalter Krieger oder als Traumtänzer klassifiziert – das weite Feld zwischen diesen beiden Extremen scheint nahezu menschenleer.

Theo Sommer: Deutsch sein zu zweit

Willy Brandt hat in der Deutschlandpolitik neue Richtmarken gesetzt. Dabei war, was er nicht sagte, ebenso bedeutsam wie das, was er aussprach.

Kabinettsverkleinerung in Bonn: Reform oder Kosmetik?

Zum erstenmal hat eine Bundesregierung mit der Reform des Kabinetts Ernst gemacht. Die Reform ist, wenngleich nicht perfekt, so doch wesentlich mehr als eine "kosmetische Operation", wie Kritiker von der CDU tadelten.

Rendezvous in Helsinki

Am 17. November werden die Amerikaner und die Sowjets in Helsinki einleitende Besprechungen über eine Begrenzung der strategischen Atomrüstung aufnehmen.

Wieviel Raketen sind genug?

Amerikaner und Sowjets haben sich nach monatelanger Unentschlossenheit – erst in Washington, dann in Moskau – in der vergangenen Woche geeinigt, am 17.

Labiler Libanon

Nach einer Woche blutiger Auseinandersetzungen zwischen der Armee und palästinensischen Partisanen, scheint sich die Situation in: Libanon wieder zu entspannen.

Harold Wilsons Endspurt

Zum letztenmal in dieser Legislaturperiode hat Harold Wilson durch die Queen die alljährliche Regierungserklärung verlesen lassen.

Nationalismus ohne Nation

Durch die Straßen der Hauptstadt Mogadischu ziehen Demonstranten und feiern das erst wenige Tage alte Regime. "Lang lebe die Revolution", skandieren sie in Sprechchören und lassen Putschgeneral Mohammed Siyad und seinen "Nationalen Revolutionsrat" hochleben.

Die Tauben von Hanoi

Immer wieder heißt es, die Regierung in Hanoi betrachte die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten als ihren besten Verbündeten – sie könne also warten.

Ein Sieg mit Fragezeichen

Allzu leichte Siege können so verhängnisvoll werden wie vernichtende Niederlagen. Diese Überlegung ist offenbar auch dem portugiesischen Regierungschef nicht fremd.

Tito hält Standpauke

So ruhig, daß selbst der Anflug von Ironie durch Höflichkeit ganz verdeckt war, hat das Belgrader Parteiorgan "Kommunist" vor kurzem bei den Ostberliner Genossen angefragt, ob ihrer Aufmerksamkeit wohl jenes Papier entgangen sei, das Ende September von der "Frankfurter Allgemeinen" als offizielles, wenn auch internes SED-Dokument enthüllt worden war: eine der bösesten Anklagen gegen Titos Reform-Kommunismus, die man seit der Kominform-Resolution von 1948 gelesen hat.

"Heißer Herbst" in Rom

Italien erlebt und erleidet in diesen Wochen den ihm von den Gewerkschaften ebenso wie von den politischen Auguren vorausgesagten "heißen Herbst".

El Fatah heizt die Krise an

Die Terroraktionen der palästinensischen Befreiungsorgansation "El Fatah" im Libanon haben eine erneute Verschärfung der Krise im Nahen Osten ausgelöst.

Abrüstung: Start für SALT

Die seit mehr als einem Jahr erwarteten amerikanisch-sowjetischen Gespräche über eine Begrenzung der strategischen Raketenrüstung (SALT = Strategie Arms Limitation Talks) sollen am 17.

Ostblock: Wünsche an Bonn

"Verständnis und Unterstützung" hat der sowjetische Parteichef Breschnjew der neuen Bundesregierung in Aussicht gestellt, wenn sie der realen Lage in Europa und den Interessen eines dauerhaften Friedens Rechnung trage.

Honorar für Wohlverhalten

Zum Abschluß eines neuntägigen Aufenthaltes in der Sowjetunion hat der tschechoslowakische KP-Chef Gustav Husák auf einer Veranstaltung in Moskau die Invasion seines Landes durch Truppen des Warschauer Pakts als "Akt der Hilfe" bezeichnet.

Dokumente der ZEIT

"Wir sind entschlossen, die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland und den Zusammenhalt der deutschen Nation zu wahren, den Frieden zu erhalten und an einer europäischen Friedensordnung mitzuarbeiten, die Freiheitsrechte und den Wohlstand unseres Volkes zu erweitern und unser Land so zu entwickeln, daß sein Rang in der Welt von morgen anerkannt und gesichert sein wird.

Kriegsmüde Amerikaner

Vier Fünftel der-Amerikaner haben genug vom "schmutzigen Krieg" in Vietnam, Dieses Ergebnis erbrachte eine Umfrage, die von dem angesehenen Meinungsforschungsinstitut Louis Harris durchgeführt wurde.

CDU/CSU: Auftakt in der neuen Rolle

Mit Kritik an der Regierungserklärung, mit Selbstkritik und einer Vergrößerung ihrer Fraktionsspitze haben die Unionsparteien ihre neue Aufgabe als Opposition in Angriff genommen.

Gegen die moderne Inquisition

Anlaß zu der umstrittenen Studie war die zunehmende Zahl von Kriegsdienstverweigerungen innerhalb der Bundeswehr. Sie führte sogleich zur Kernfrage, ob nicht ein nicht ausgleichbarer politischer Widerspruch zwischen dem Grundrecht der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen und der gesetzlichen allgemeinen Wehrpflicht besteht.

Mißglückte Wiederkehr

Die Wähler von Versailles und Umgebung haben General de Gaulle ein zweites Mal "nein" gesagt. Sie hatten dazu Gelegenheit, als sich Couve de Murville, der letzte Premierminister de Gaulles, dort in einer Nachwahl um einen Parlamentssitz bewarb, den ein in Ehren ergrauter Gaullist, der Kriegsflieger Pierre Clostermann, eigens für ihn geräumt hatte.

Des Papstes Schattenparlament

Zehn Tage lang durften die Kardinäle und Bischöfe, die in Rom zur Außerordentlichen Weltsynode versammelt waren, Vorträge und Diskussionsbeiträge aus einsamen theologischen Höhen vernehmen, dann platzte einigen von ihnen der Kragen.

Die Schweigenden von Fürsteneck

Zwanzig Kilometer von der Bischofsstadt Passau entfernt liegt Fürsteneck. Dieses idyllische Tausend-Seelen-Dorf ist in den letzten Tagen zu Ruhm, wenn auch nicht gerade zu Ansehen gekommen: Dr.

Kampfansage an die alte Garde

Trotz des Erfolges bei der Bundestagswahl beginnt es in der SPD Baden-Wüttembergs zu brodeln. Das Feuer schürt eine Gruppe junger Intellektueller um den Stuttgarter Architekten Peter Conradi, den Böblinger Systemanalytiker Hans Jürgen Dahms und den Freiburger Dozenten Michael Fülgraff, die in dem locker organisierten "Tübinger Kreis" zum Kampf gegen den Parteiapparat angetreten sind.

Recht in unserer Zeit: Cohn-Bendit – ein legitimer Störer?

Das Vertrauen in die Weisheit hoher Richter ist jüngst wieder einmal erschüttert worden: Der Bundesgerichtshof verkannte bei seiner Entscheidung gegen den früheren Kölner AStA-Vorsitzenden Laepple Hintergründe und Bedeutung einer politischen Demonstration.

Von "Unrast" zu "Unrat"

In Hamburg hält die heimatlose Linke nicht mehr viel von ihrem politischen Heimatrecht. Was im letzten Jahr noch als gesellschaftlich notscheint und daher als erstrebenswert galt, erscheint heute manchem APO-Genossen als bürgerliche Gefahr.

Neue Ära in Kiel?

Da saßen sie nun, die alten und die neuen Herren von Partei und Staat, im Landeshaus an der Kieler Förde unter einem Dach. Sie schienen erleichtert, denn Fraktion und Landesvorstand hatten sich zuvor von Ministerpräsident Helmut Lemke überzeugen lassen, daß er mit seinen drei jungen neuen Männern im Kabinett eine gute Wahl getroffen habe.

Roms Kontakte zur Freimaurerei

Ein Münchner Freimaurer, Katholik obendrein, der es ganz genau wissen wollte, wie es seine Kirche heute mit der Freimaurerei halte, wandte sich mit seiner Frage schriftlich an das Ordinariat des Erzbistums München und Freising, Generalvikar Dr.

Ehrenrettung für Stanley Baldwin: Ein Tory in der Weltkrise

The Times Literary Supplement" kritisierte neulich Biographien, die nichts anderes als "politischen Journalismus" vorstellten, der sich "in der Randzone zwischen historischer Forschung und populärer Unterhaltung angesiedelt" habe; solche Bücher seien mit Informationen angefüllt, die eher aus zweiter als aus erster Hand stammen und nur um des Effektes willen ausgewählt werden.

Israels einsamer Rebell

Ein stolzer Israeli, der zum Antizionisten wurde, aber doch schrieb: "Der Zionismus rettete uns das Leben. Ich habe das nie vergessen"; ein kämpferischer Jude, der nun für den Frieden streitet, doch öffentlich erklärte: "Ich würde mein Leben für diesen Staat einsetzen" – Uri Avnery, Zeitschriften-Herausgeber und Knesset-Abgeordneter, ist den meisten seiner Landsleute ein Rätsel oder einfach ein Querkopf.

Spiel mit falschen Zahlen

Als "freimütige Rechenschaft" hat Waldemar Besson (ZEIT Nr. 41/69) Albert Speers "Erinnerungen" bezeichnet. Wenige Wochen, nachdem dieses "als literarisches Zeugnis .

Hitler – ein Knecht der Monopole?

Über die Wehrmacht im "Dritten Reich" sind in der Bundesrepublik viele Veröffentlichungen – Studien und Dokumentationen verschiedenster Qualität – erschienen und sie erscheinen weiter, weil die Thematik von Politik und Kriegführung seit jeher zu den bevorzugten Forschungsgebieten der deutschen Geschichtswissenschaft gehört.

Ist Carmen eine Emanzipierte?

Karl Böhm endlich wieder einmal am Münchner Opernpult nicht nur dirigierend, sondern eine Aufführung ganz einstudierend; der Hausherr und Regisseur Günther Rennert mit intelligenter Leidenschaft auf Mérimées, Bizets und Felsensteins (dessen deutsche Übertragung benutzt wurde) Spuren; die jäh und strahlend berühmt gewordene Tatiana Troyanos in der Titelrolle: das mußte doch die "Carmen" dieses Opernjahres, wenn nicht sogar dieses Opernjahrzehnts werden.

Gustav Seitz

Man hat ihn den deutschen Maillol genannt, damit den Namen ins Spiel gebracht, der von ihm selber als entscheidendes Vorbild und wichtigster Prüfstein angesehen wurde; man hat damit seinen Rang markiert und seine Grenzen.

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