Von Dietrich Strothmann

Uri Avnery: "Israel ohne Zionisten"; deutsch von Annemarie Kandier; Bertelsmann Sachbuchverlag, Gütersloh 1969; 240 Seiten, 15,80 DM.

Ein stolzer Israeli, der zum Antizionisten wurde, aber doch schrieb: "Der Zionismus rettete uns das Leben. Ich habe das nie vergessen"; ein kämpferischer Jude, der nun für den Frieden streitet, doch öffentlich erklärte: "Ich würde mein Leben für diesen Staat einsetzen" – Uri Avnery, Zeitschriften-Herausgeber und Knesset-Abgeordneter, ist den meisten seiner Landsleute ein Rätsel oder einfach ein Querkopf. Auf jeden Fall ist er ein anregender Individualist, einer unter Tausenden in Israel (siehe auch ZEIT Nr. 42/69, Seite 2), einer, der eigene Ideen hat, gefährliche Ideen, so wird ihm vorgeworfen. Gemeinhin gilt er als liebenswerter Narr, den nur seine Immunität als Parlamentarier davor bewahrt, daß ihm der Maulkorb umgebunden wird. Beliebt ist Avnery in Israel ganz sicher nicht.

Sein Buch, das nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt – mit für diesen Zweck eingefügten Ergänzungen –, erschien denn auch zuerst in den Vereinigten Staaten, nicht in seinem eigenen Land. Es ist eine Streitschrift. Der Titel, eine wortgetreue Übersetzung, führt in die Irre: Um eine tiefschürfende, aus der Historie abgeleitete Auseinandersetzung mit der zionistischen Idee geht es hier nicht; auch der Untertitel "Plädoyer für eine neue Staatsidee" verspricht zuviel. Dagegen ist zu Anfang ausführlich von Avnery selbst, dann ebenso eingehend von seinen Intimfeinden Ben Gurion und Dayan die Rede.

Worum es Avnery vor allem geht, um seine Idee einer spektakulären israelisch-palästinensischen Föderation, wird breit geschildert, mit leidenschaftlichem Engagement und überzeugenden Argumenten, wenngleich ohne Bezug zur Wirklichkeit. Avnery ist in seinem Zorn oft so haltlos wie idealistisch in seinen Plänen. Der Mann der aktiven Politik und des aktuellen Journalismus ist, merkwürdig nur für Außenstehende, ein Phantast, den seine Gefolgsleute sogar für einen modernen Propheten halten mögen.

Denn so einleuchtend seine Friedenslösung für den Nahen Osten auch ist, so einprägsam seine Thesen auch sind ("Wenn wir nicht lernen zusammenzuleben, werden, wir uns gegenseitig vernichten" – "Wir sind die Sieger, nun müssen wir den ersten Schritt zum Frieden tun") – es sind Wunschvorstellungen, fern jeder Realität. Dayan, der ihm in solchen Einsichten gar nicht so fern steht, handelt da mit seinem Modell einer Politik des Nebeneinander in den okkupierten Territorien – pragmatisch.

Wo ist denn, so muß Avnery gefragt werden, der arabische Führer, der es sich leisten könnte und der willens wäre, sich mit den Israelis zu einigen, seien es nun Zionisten oder Antizionisten, orthodoxe oder moderne Juden? Und weiter: Wo findet sich wohl unter den Palästinensern im besetzten Gebiet und in Jordanien eine von allen anerkannte Persönlichkeit, der die Kraft und die Statur zuzutrauen wäre, einen Staat Palästina zu gründen, auf dem ehemaligen Teilterritorium Jordaniens – mit Arabern, die zwar die Herrschaft des Königs Hussein ebenso leid sind wie den Machtanspruch Nassers, die sich aber in immer größeren Scharen zu den Guerilla-Führern der zahllosen "Befreiungsorganisationen" schlagen? Ihr Haß auf die Israelis sitzt tiefer als der auf die Beduinen, unter denen sie nun als Flüchtlinge leben müssen. Längst ist es nicht mehr in ihrer Macht, selbständig zu handeln, frei zu entscheiden. Auf ihrer Seite steht zudem eine Weltmacht, die Sowjetunion, die ihre Hände mit im machtpolitischen Spiel hat.