Von Joachim Kaiser

Karl Böhm endlich wieder einmal am Münchner Opernpult nicht nur dirigierend, sondern eine Aufführung ganz einstudierend; der Hausherr und Regisseur Günther Rennert mit intelligenter Leidenschaft auf Mérimées, Bizets und Felsensteins (dessen deutsche Übertragung benutzt wurde) Spuren; die jäh und strahlend berühmt gewordene Tatiana Troyanos in der Titelrolle: das mußte doch die "Carmen" dieses Opernjahres, wenn nicht sogar dieses Opernjahrzehnts werden.

Denn an irgend etwas waren ja auch die bestbesetzten "Carmen"-Darbietungen der letzten Zeit gescheitert. Otto Schenks Wiener Staatsopern-Inszenierung mit Christa Ludwig hat Lorin Maazel denn doch nicht kraftvoll genug dirigiert, Karajan hatte sich in Salzburg zu sehr um Festspiel-Luxus, seidenweiche Finessen, um Breitwandnaturalismus mit feinsinnig kammermusikalischer Ergänzung gekümmert; es entstand da ein konventionell eleganter Rahmen, den selbst Grace Bumbry nicht zerbrechen konnte. Carlos Kleiber meisterte zwar in Stuttgart die sonnenerhitzte Partitur hinreißend grell, schattenlos, feurig, und er wußte auch die sanft trivialen Stellen rhythmisch schlank zu machen. Doch weil er keine stimmkräftige Carmen, keinen Escamillo, gleich zwei Regisseure im Programmheft, aber dafür keinen verantwortlich auf der Bühne stehen hatte, blieb die Stuttgarter "Carmen" ein Orchester-Ereignis. Und nun München?

Es gibt eine geheimnisvolle Beziehung zwischen "blindem" Trieb und Freiheitsverherrlichung. In der vor "Carmen" wohl berühmtesten Oper über einen dämonisch triebbesessenen, anarchisch Antibürgerlichen und Besitzergreifenden, in Mozarts "Don Giovanni" steht an zentraler Stelle der im Maestoso auskomponierte Hymnus "Viva la libertà" – "Hoch leb’ die Freiheit, hoch!". Dieser unübersehbare, unüberhörbare Gegensatz erscheint in Gestalt der Zigeunerin wieder. Sie ist die Herausforderung aller Männer, ja aller gesitteten Zivilisation durch ihr So-Sein. In ihrer Courage, ihrem Ungebändigten verbirgt sich aber eben nicht so sehr Überlegenheit, Freiheit, Emanzipation, Überschreitung der Grenzen des "Weiblichen" und des "Bürgerlichen" – sondern erst recht radikale Naturverfallenheit. Das macht die Sache finster.

Wie mischen sich in diesem Wesen dumpfer Aberglaube ("die Karten lügen nicht"), einspruchsloser Fatalismus und absoluter Unabhängigkeitstrieb? Carmen ist nicht "aufgeklärt", dennoch läßt sie sich nicht gängeln von Angst, Vorsicht, Zwang.

Ist sie ein Luder oder ein Naturereignis – oder beides? Ist Don José ein Waschlappen mit Mutterbindung, ein richtig spanisch eifersüchtig-ehrpußliger Kerl – oder beides? Ist der Escamillo ein affiger Gladiator oder ein Held – oder beides? Ist Fräulein Micaela naiv oder verkitscht – oder beides?

Tatiana Troyanos, die für eine potentielle Weltkarriere so viele Monate brauchte wie andere Künstlerinnen Jahre, tritt über eine mühselige Blechbrücke auf: sofort beherrscht sie die Situation. Alles dreht sich um sie, sie genießt das. Nur – ein witziger Einfall Rennens – Don José schaut nicht nach Carmen: er putzt sein Gewehr, hat zu tun. Das mag sie nicht ertragen. Und so wirft sie gerade ihm die Rose zu. Die Tragödie kann beginnen.