Von Theo Löbsack

Müssen wir unseren technischen Fortschritt mit dem genetischen Tod bezahlen? Diese Frage stellte sich der Deutschen Forschungsgemeinschaft nach den Worten ihres Präsidenten Professor Julius Speer, nachdem bekanntgeworden war, daß in unserer Umwelt zahlreiche chemische Stoffe existieren, die als "mutagene Substanzen" das menschliche Erbgut schädigen können. Um diese Stoffe dingfest zu machen und anzuprangern, hat die Forschungsgemeinschaft ein lobenswertes Unternehmen ins Leben gerufen. Mit öffentlichen Mitteln und der Hilfe der Industrie hat sie in Freiburg im Breisgau den Bau eines "Zentrallaboratoriums für Mutagenitätsprüfung" ermöglicht, das jetzt seiner Bestimmung übergeben wurde.

Was sind mutagene Stoffe und wie kann man sie entdecken? Das lateinische Wort mutare heißt verändern, und in der Biologie nennt man einen Stoff, der die Erbeigenschaften eines Lebewesens verändert, ein "Mutagen". Erbänderungen, die in etwa 98 Prozent aller Fälle für das Lebewesen nachteilig, zuweilen tödlich sind, lassen sich auch durch energiereiche Strahlen hervorrufen, weshalb unseren Ärzten zur Zurückhaltung bei routinemäßigen Röntgenaufnahmen und Durchleuchtungen zu raten ist.

Die Erkenntnis, daß auch Chemikalien Mutationen auslösen können, ist erst jüngeren Datums. Mit der zunehmenden Zahl der alljährlich neu synthetisierten und auf den Markt kommenden Substanzen wächst die Gefahr: Genetisch aktive Stoffe sind heute allerorts um uns. Als Zusatzstoffe sind sie in Lebensmitteln enthalten. In den Rückständen von Pestiziden, in Kosmetika und Pharmaka, als Verunreinigungen von Wasser und Luft bilden sie ein neues, noch fast völlig unerforschtes Umweltrisiko für den Menschen, Wir tragen sie sogar in den Stoffen unserer Kleidung auf unserem Körper und gehen mit ihnen bei industriellen Fertigungsvorgängen um.

Die Aufgabe des Freiburger Labors wird es sein, als Mutagene verdächtigte Substanzen planmäßig zu prüfen, ihren Mutagenitätsgrad zu ermitteln und sie schließlich in eine "Skala der Gefährlichkeitsgrade" einzuordnen. Substanzen, die sich in verschiedenen Testverfahren als stark mutagen erwiesen haben, sollen bekanntgegeben und die Industrie gegebenenfalls auf dem Weg über den Gesetzgeber veranlaßt werden, diese Stoffe aus dem Verkehr zu ziehen. Dazu wird, wie in Freiburg auf der Einweihungsfeier zu hören war, unter Umständen auch die Presse nützliche Schützenhilfe leisten können. Die Industrie ihrerseits sollte die Arbeit des Labors nicht als die einer Kontrollinstanz auffassen, vielmehr sollte sie eine kooperative Haltung anstreben, zumal die Ergebnisse der Mutagenitätsversuche auch ihrem eigenen Interesse dienen – siehe der Conterganfall.

Unter den heute schon außerordentlich zahlreichen verdächtigen Stoffen wird man in Freiburg zunächst diejenigen unter die Lupe nehmen, die eine als mutagen bereits bekannte Molekülgruppe haben. Zu den vordringlich zu prüfenden werden solche gehören, die als Zusätze zu Grundnahrungsmitteln über längere Zeiträume chronisch-toxisch oder kürzere Zeit in höherer Konzentration, wie in bestimmten Pharmaka, auf den Menschen einwirken. Substanzen, die von vornherein als besonders gefährlich gelten, wie alkylierende Substanzen, wird man in möglichst zahlreichen Testverfahren untersuchen. Das Gros der verdächtigen Stoffe läßt sich in einem sogenannten Screening-Verfahren zunächst überschlagsweise durchmustern. Dazu wird ein Bakterienschnelltest benutzt, der es erlaubt, aus täglich 20 bis 30 Substanzen die potentiell gefährlicheren für eine genauere Untersuchung auszulesen.

Um rationell zu arbeiten, braucht man für solche Untersuchungen möglichst zuverlässige, zeitsparende und wenig aufwendige Testverfahren. Säugetiere als Versuchsobjekte werden daher von vornherein nur eine sehr begrenzte Rolle in Freiburg spielen. Ihre Generationsfolge ist viel zu langsam. Hinzu kommt, daß die gefährlichste Form genetischer Schäden, nämlich die als "Punktmutationen" im molekularen Bereich der Erbträgersubstanz DNS auftretenden Veränderungen, bei miskroskopischen Zelluntersuchungen nicht festzustellen, wären.