Wenn im Bundestag eine Partei in die Opposition gezwungen, zwei andere mit der Verantwortung des politischen Geschehens betraut werden, dann ist dies ein Ereignis, das tief in das Leben gewisser Kreise eingreift, selbst für den Fall, daß zwar die Regierung, nicht aber die Politik sich ändert. Ich spreche hier von den Karikaturisten:

Man kann sie in zwei Gruppen einteilen: Die einen wären es leid, den "Kanzler, auf den es ankam", in der Pose des Regierenden zu zeichnen ("Vier Jahre sind genug"); sie sind glücklich, daß sie dem Antlitz Kiesinger jetzt neue, oppositionelle Züge verleihen dürfen. Die anderen haben heiße Köpfe und fiebrige Hände, solange es ihnen nicht gelingt, die neuen Männer in den Griff zu bekommen. Es ist anzunehmen, daß die einen SPD, die anderen CDU/CSU gewählt haben.

Wir haben es hier mit einer Existenzfrage zu tun. So wie einst bei der Erfindung des Tonfilms, berühmte Schauspieler sang-und klanglos von der Bildfläche verschwanden, weil ihre Stimmen "nicht kamen", verschwinden bei jedem Regierungswechsel einige Karikaturisten. Sie gehen sozusagen in Klausur, treiben "Fingerübungen‘, studieren still die Zeichnungen ihrer mutigeren Kollegen, meditieren über das Problem der Bedeutung bestimmter charakteristischer Bestandteile eines Gesichtes und einer Körperhaltung oder Geste. Und wenn die Karikaturisten dann wiederans Licht kommen, staunen wir darüber, daß sie sich in geheimnisvoller Weise geeinigt haben. De Gaulle war kenntlich an der langen Nase, Adenauer hatte (was er selber energisch bestritt) "etwas Mongolisches" im Gesicht. An welchem Merkmal werden wir Helmut Schmidt erkennen?

Ein Glück, daß Kanzler Brandt Außenminister war: Den kennen und können die Karikaturisten schon. Bei ihm halten sie sich an die hohe Stirn wie bei Wehner an die Pfeife. Ob sie sich bei dem Außenminister Scheel auf den lustigen Haaransatz festlegen oder auf sein rheinisches Lächeln, steht noch dahin. Aber ein so "neuer Mann" wie der Wissenschaftsminister Leussink, der im letzten Moment wie Ziethen aus Busch hervorbrach, ist für die Karikaturisten eine Katastrophe. Besondere Kennzeichen: keine. Während man dem Landwirtschaftsminister Ertl wenigstens eine Lederhose anzeichnen kann, weil er. aus Bayern kommt, ist Leussink zu allem Überfluß auch noch parteilos. Bitte, wie karikiert man das?

"Es pendelt sich alles ein", sagte ein großer Karikaturist. Das trifft nicht nur auf die Zunft der Zeichner, sondern auch auf die Gezeichneten der Kleinen Koalition zu.

Hoffentlich.