Von Gisela Stelly

Der neue Kultusminister von Hessen heißt Ludwig von Friedeburg. Ob er der letzte Mann der ersten oder der erste Mann der letzten Stunde ist, mag vorerst wenig sagen über einen in der Politik bislang Unbekannten.

In der Bundesrepublik ist er neben Dahrendorf der zweite zur politischen Praxis konvertierte Soziologie-Professor, und das: konnte – freilich eher wegen der geringen Schätzung der Soziologie im allgemeinen als wegen des Staatssekretärs Dahrendorf im besonderen – durchaus hinderlich wirken. Soziologen sind nicht beliebt.

Soziologen sind Leute, die mittels unverständlicher theoretischer Höhenflüge vertuschen, daß sie nichts in der Hand haben. Und Soziologen sind Leute, unter deren Blicken Handfestes ganzlich unverständlich wird. Ludwig von Friedeburg wird es schwerfallen, diesen Vorurteilen gerecht zu werden.

Er ist Empiriker. Und als Leiter des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt ist er nicht gänzlich ungeübt in Verhandlungstaktik und Organisationsarbeit. Als Mitautor einer Studie zur Hochschulreform (Habermas, Denniger, Wiethölter), die zudem in dem Entwurf eines neuen Hochschulgesetzes des Vorgängers Schütte berücksichtigt wurde, empfiehlt sich Friedeburg als aussichtsreicher Transformator von soziologischer Theorie in Praxis.

Das Angebot, Kultusminister zu werden (vorerst nur bis zum Ablauf der Legislaturperiode, für ein Jahr), kam völlig unerwartet. Es sei ihm aber unmöglich zu kneifen, sagt er. Professoren und schon gar Soziologen hätten; selten’ die Chance, papiernen Ausarbeitungen zur Anwendung zu verhelfen. Kneifen, das hieße, nicht nur die Praxis, sondern auch die Theorie zu verraten: Chancengleichheit, politische Willensbildung, Demokratisierung.

Ludwig von Friedeburg ist 45 Jahre alt und kommt aus der Frankfurter Schule. Das heißt für die politische Standortbestimmung: er ist links. Friedeburg als Linken zu bezeichnen, wird bei den "Linken" Hohngelächter auslösen, bei den "Rechten" jedoch Zustimmung. Er selber wird sich vielleicht als Verfechter von Demokratie, Vernunft und Aufklärung sehen.