Von Michael Jungblut

Im Ministerbüro in der Duisdorfer Kaserne stehen alle Möbel noch so, wie sie Hans Katzer, der bisherige Hausherr, hinterlassen hat. Walter Arendt, der neue Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, fühlt sich in seiner Residenz offenbar noch nicht so recht heimisch. Doch nicht nur sein Bonner Arbeitsplatz und die neuen Mitarbeiter, auch das Arbeitsgebiet, dem er sich nun in den nächsten vier Jahren widmen soll, sind ihm noch weitgehend fremd:

Walter Arendt macht gar kein Hehl daraus, daß für ihn der Sprung in den Ministersessel fast genauso überraschend kam wie für die meisten Bonner Beobachter. Eigentlich hatte niemand daran gezweifelt, daß Professor Ernst Schellenberg, der langjährige sozialpolitische Sprecher der SPD, diesen Platz einnehmen würde. Doch Willy Brandt gab dem jüngeren Gewerkschaftsführer den Vorzug. Arendt, dem seine schneeweißen Haare bereits’ die äußeren Attribute eines Bundespräsidenten verleihen, ist nämlich erst 44 Jahre alt.

Der ehemalige Gewerkschaftsboß hat das Amt des Arbeits- und Sozialministers eigentlich weder angestrebt noch erträumt. Im alten Bundestag war Arendt nicht einmal Mitglied des Sozialausschusses, sondern hat nur "gelegentlich einmal hineingeschaut, wenn über die Probleme der Bergleute gesprochen wurde". Seine bisherige parlamentarische Arbeit galt in erster Linie der Energiepolitik und der Sorge für die von der Kohlenkrise hart getroffenen Kumpel. Wenn auch nicht gerade ein Hinterbänkler, so hat er doch selten im Bundestag in vorderster Front gefochten.

Dennoch hat Walter Arendt die Chance, die sich ihm unerwartet bot, wahrgenommen. Den Einsatz im unbekannten Gelände betrachtet er auch ein wenig als geistige Gymnastik: "Ich werde im Januar 45 Jahre alt, könnte theoretisch also schon Großvater sein. Da kann ein Wechsel nicht schaden. Neue Aufgaben anpacken hält frisch." Dabei greifen die Hände, denen man immer noch ansieht, daß sie einmal vor Ort den Pickel geschwungen haben, nach dem etwas zerbrechlich wirkenden Couchtisch.

Daß Arendt sich eine solche Frischhalte-Therapie nicht um jeden Preis verordnen will, sondern Chancen und Risiken einer neuen Aufgabe sehr wohl abzuwägen weiß, hat er bei der Neubesetzung der DGB-Spitze bewiesen, als er auf eine – sicher sehr aussichtsreiche – Kandidatur verzichtete. Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes ist für seinen Geschmack allzu abhängig, hat zu geringe Möglichkeiten, eine eigene Politik gegenüber den mächtigen, auf ihre Eigenständigkeit pochenden Industriegewerkschaften durchzusetzen. Das nur äußerlich glanzvollere Amt an der Spitze der deutschen Arbeitnehmerorganisationen reizte Arendt deshalb nicht.

In der IG-Bergbau-Zentrale in Bochum war seine Autorität nie in Frage gestellt. Der Abschied vom Bergbau und der Organisation, in der er groß geworden ist, ist ihm denn auch nicht gerade leichtgefallen. Der 1925 in Hessen bei Hamm geborene Sohn eines Bergarbeiters fuhr schon mit 15 Jahren selbst in den Pütt ein. Unterbrochen vom Arbeits- und Wehrdienst sowie der Gefangenschaft arbeitete Walter Arendt bis 1947 über und unter Tage auf der Zeche "Sachsen". Seit 1946 ist er Mitglied der SPD.