Nach einer Woche blutiger Auseinandersetzungen zwischen der Armee und palästinensischen Partisanen, scheint sich die Situation in: Libanon wieder zu entspannen. Für die Beiruter Regierung ist damit freilich noch nicht viel gewonnen. Die Krise ist nur vertagt.

Vieles kommt in diesem Zwist zusammen – zuviel, um ihn mit einem Schlag aus der Welt schaffen zu können. In der libanesischen Innenpolitik sind die Gegensätze zwischen den gemäßigten Christen und den radikalen Moslems unüberbrückbar. Ebenso prekär ist die außenpolitische Situation. Als nördlicher Nachbar Israels, ausgestattet nur mit einer kleinen Armee, verwundbar wie kein anderer arabischer Staat, steht der Libanon unter dem Zwang, sich aus militärischen Händeln herauszuhalten. Der israelische Uberfall auf den Beiruter Flughafen war dafür eine bittere Lektion. Beteiligte sich der Libanon aktiv an dem arabischen "Zermürbungskrieg", so müßte er damit rechnen, daß die Israelis seine südliche Region mit dem lebenswichtigen Litani-Wasserreservoir in einem Handstreich besetzen. So hat Beirut im Juni 1967 Jerusalem zwar den Krieg erklärt, sich indessen in keine Kampfhandlungen hineinziehen lassen, Dem Libanon bleibt nichts anderes übrig als eine Schaukelpolitik zwischen deklamatorischer Hilfsbereitschaft zur "Befreiung Palästinas" einerseits und begrenzter Neutralität andererseits.

Diese Politik des Sowohl-als-auch entfacht vor allem bei den kriegstreibenden Untergrundkämpfern Verachtung und fördert ihre Umsturzabsichten. Jede libanesische Regierung sitzt gleichsam auf ihren Koffern, bereit, bei der geringsten Spannung sogleich zurückzutreten. So war seit dem vergangenen April auch das Kabinett Karami nur noch provisorisch im Amte. Vor einer Woche reichte Karami endgültig seinen Abschied ein. Nachdem er sich inzwischen noch einmal mit Staatschef Helou beraten und von Kairos Vermittlungsabsichten erfahren hat, will er nun doch einstweilen auf seinem Posten ausharren und eine neue Regierung bilden.

Nassers Stellung als Führer in der arabischen Welt, die ohnehin schon schwach genug ist, wäre ernsthaft bedroht, könnten die palästinensischen Guerillas mit Syriens Beistand nun auch im Libanon die Macht übernehmen. Die Radikalen in Damaskus und die Kader der "Befreiungsorganisationen" machen ihm zumindest ebensoviel zu schaffen wie die Israelis. Er kann es deshalb nicht zulassen, daß der Libanon zu einem zweiten Jordanien wird.

Ammans König Hussein ist völlig in den Händen der Freischärler; sie sind der Staat im Staate. Gegen sie und ohne sie kann er nichts mehr unternehmen, seit er mit ihnen vor einem Jahr ein Abkommen geschlossen hat. Von jordanischem Territorium aus und unter dem Schutz der dort ebenfalls stationierten syrischen und irakischen Verbände operieren heute 15 000 Partisanen, ausgerüstet mit den modernsten Waffen.

Auch in der arabischen öffentlichen Meinung rangieren die Kommandotrupps der El Fatah an erster Stelle. Ihnen allein trauen die Palästinenser noch zu, daß sie ihr Los ändern und Israel in die Knie zwingen könnten. Nasser muß darauf achten, daß die Arafats nun nicht noch direkten Einfluß auf die Flüchtlinge in den Lagern des Libanon gewinnen. Der Staatschef in Kairo kämpft derzeit an mehreren Fronten: gegen die Israelis, gegen seine unzufriedenen Offiziere und gegen das Partisanenkorps, Manche Politiker in Jerusalem rechnen damit,daß die Tage des ägyptischen Präsidenten, der immerhin schon 17 Jahre an der Macht ist, gezählt sind.

Solange er aber noch Macht hat, unternimmt Nasser alles, um den libanesischen Kleinkrieg zwischen regierungstreuen Truppen und aus Syrien eingeschleusten Guerillas "einzufrieren". Wie das geschehen soll, bleibt freilich höchst zweifelhaft. Beläßt er Beirut das Recht, seine Souveränität zu verteidigen und über die Unverletzlichkeit seiner Grenzen selber zu wachen, so zieht er sich den Zorn der Palästinenser zu und gelangt in den Verdacht, kein Verteidiger der "gerechten Sache" mehr zu sein. Überredet er aber die Libanesen dazu, die Terroraktionen der Partisanen gegen Israel von ihrem Territorium aus zu dulden, so räumt er Arafat eine neue Bastion ein, provoziert israelische Vergeltungsschläge und stürzt das Land in eine Krise, die seinen Zusammenbruch beschleunigen würde. Die Radikalen in Damaskus hätten am Ende den größten Gewinn davon. Sie kündigten kürzlich an, daß sie auf den Libanon so lange Druck ausüben wollen, bis er sein "wahres arabisches Gesicht wiederfindet".

In Kairo werden dieser Tage Beiruts Militärchefs und die Freischärlerführer zusammentreffen, um sich auf einen Kompromiß zu einigen. Er wird, sollte er gefunden werden, kaum von Dauer sein. Im Nahen Osten geht nicht nur der Krieg der Araber gegen. die Israelis weiter – auch der Kampf der Araber gegen Araber tritt in eine neue Runde. D. St.