E. W., Paris, im Oktober

Die Wähler von Versailles und Umgebung haben General de Gaulle ein zweites Mal "nein" gesagt. Sie hatten dazu Gelegenheit, als sich Couve de Murville, der letzte Premierminister de Gaulles, dort in einer Nachwahl um einen Parlamentssitz bewarb, den ein in Ehren ergrauter Gaullist, der Kriegsflieger Pierre Clostermann, eigens für ihn geräumt hatte. Den Wählern gefiel der Handel nicht. Viele, nämlich 38 Prozent, gingen gar nicht zu den Urnen. Vom Rest stimmten 53,8 Prozent für den Mann, der im ersten Wahlgang zwei andere Kandidaten der Linken hinter sich gelassen hatte und darum jetzt als Einheitskandidat der Linken in die Stichwahl gehen konnte: Michel Rocard, Vorsitzender der "Geeinigten Sozialistischen Partei" (PSU), einer Splittergruppe mit einem revolutionären Programm, die im Mai 1968 sogar versuchte, die Kommunisten links zu überholen.

Couve de Murville wurde mit fast den gleichen Prozentsätzen geschlagen, mit denen Frankreich im April dem General "nein" sagte. Michel Rocard, der im Juni für die Nachfolge de Gaulles als Staatspräsident kandidierte, kam damals im Wahlkreis Versailles nur auf einen Außenseiteranteil von fünf Prozent der Stimmen. Der größte Teil der Wähler der Mitte muß diesmal für Rocard gestimmt haben. Sie haben sich damit nicht für die Revolution entschieden, aber sie brachten etwas mehr Farbe ins Parlament – mit einem Einzelgänger, der auf eine äußerst technokratische Weise den revolutionären Sozialismus vertritt, dabei jedoch nicht verleugnen kann, daß er dem Elitekorps der Inspecteurs des Finances angehört, die heute noch ihr dreitägiges Examen im Frack ablegen. Vor allem aber wollten die Wähler Couve de Murville eine Absage erteilen. Sie zogen Rocard einem Mann vor, der sich ausdrücklich gegen die weitere "Öffnung zur Mitte" ausgesprochen hatte und der sich an die Spitze des Auswärtigen Ausschusses setzen und dort als Gralshüter die außenpolitischen Traditionen des Generals wahren wollte.

Die Wähler von Versailles, die das "vieille France" verkörpern, haben der Politik des grandeur eine symbolhafte Niederlage erteilt. Vordergründig ging es in Versailles um Personen, in Wahrheit um Gaullismus und Nachgaullismus. Dieser Gärungsprozeß hat erst begonnen.