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In der für währungspolitische Beschlüsse recht kurzen Zeit von knapp vier Stunden hatte die neue Regierung die Änderung der D-Mark-Parität entschieden. Wirtschaftsminister Karl Schiller konnte sich wohlgelaunt der Presse stellen. Zuvor schon gab er auf dem Weg vom Kabinett zur Pressekonferenz erste Aufwertungswitzchen zum besten: Verteidigungsminister Helmut Schmidt habe "heute den Reibach gemacht. Sein Etat sieht jetzt so gut aus, daß er Phantome noch und noch kaufen kann".

Was monatelang an Stammtischen, an der Börse und in den Zentralen von Parteien und Regierung erörtert wurde, fand am Bonner Währung-Freitag ein undramatisches Ende. Schiller, voller Zuversicht, erteilte sogar indirekt Zensuren. Als er den Aufwertungssatz von 8,5 Prozent einen "goldenen Schnitt" nannte, hatte er wohl DIHT-Präsident Wolff von Amerongen im Sinn, der ein paar Tage zuvor in Frage gestellt hatte, daß es so etwas gebe, und dabei die Bonner gewarnt hatte, zu hoch zu greifen.

Solch zaghaften Versuch, die neue Regierung mit Prozentrechnungen zu beeinflussen, ignorierte Schiller ebenso wie die schon massiveren Pressionen der Exportwirtschaft, vor allem der Maschinenbauindustrie, deren Auftragsbücher derzeit keinen Anlaß zu Angstzuständen geben. Doch man dachte wohl an später und begab sich beizeiten an die Bonner Klagemauer, um vorerst noch erfolglos Beihilfen für die Exportfinanzierung und Steuerpräferenzen zu erbitten. Ohne Fortune war auch "Bild" geblieben, das Karl Schiller und Finanzminister Alex Möller per Horoskop die Warnung zukommen ließ: "Vorsicht in allen finanziellen Angelegenheiten."

Karl Schiller, offenbar verärgert über die zuvor von den Gewerkschaften ob seiner Maßhalteappelle in Sachen Lohnforderungen erfolgten DGB-Maßregelungen, reagierte trotzig und mahnte die Gewerkschaften abermals, gefälligst eine vernünftige Lohnpolitik einzuschlagen.

Ob Verteidigungsminister Schmidt allerdings billigere "Phantome" einkaufen kann, wird sich erst noch zeigen. Vorrangig hat er andere Sorgen, personalpolitische nämlich. Zwar drückten bisher nie in Erscheinung getretene "Parteibuchgenossen" des Verteidigungsministeriums in Schmidts Vorzimmern einander die Klinke in die Hand, doch der Minister zeigte sich vorerst unbeeindruckt. Bis unter die Staatssekretärebene ist er noch nicht hinuntergedrungen. Auch dort verhandelte er noch am Wochenende mit dem langjährigen Thyssen-Chef Ernst Wolf Mommsen. Ihn hatte Schmidt zum Rüstungsstaatssekretär auserkoren. Der Spitzenmanager aus der Industrie wäre auch Schiller aus vielerlei Gründen willkommen. Mommsen hat mehrfach bewiesen, daß Politik ihm mehr als starres Schwarzweiß-Denken bedeutet – etwa im Streit um das Röhrenembargo 1962. Überdies kann dem neuen Verteidigungsminister eine differenzierte Persönlichkeit wie Mommsen in seiner Umgebung nur recht sein, denn Schmidt weiß selbst zur Genüge, daß sein Temperament den nüchternen Widerpart braucht. Und Mommsen, dank eigener Güter persönlich unabhängig, sind die Spannungen in der Konzernleitung des Röhrenkombinats Thyssen/Mannesmann allmählich lästig geworden. Bonner Luft schien dem Industrieboß mit der berühmten Ahnengalerie daher verlockend, zumal er als Hauptabteilungsleiter in Albert Speers Rüstungsministerium die Materie kennengelernt hat.

Die Regierung zögerte nicht, auf Persönlichkeiten des wirtschaftlichen Managements zurückzugreifen. Das hat nicht nur den Vorteil, daß die Fach- und Sachkenntnis der Leitung moderner Unternehmen in die Regierungsmaschinerie eingebracht wird. Die Zusammenarbeit mit den Wirtschaftsbossen schafft auch nach außen jenes Klima, das nötig ist, um gelegentlich noch tiefsitzende Vorurteile gegenüber den Sozialdemokraten abzubauen.

Erhard Eppler, Entwicklungshilfeminister, engagierte ebenfalls einen Top-Manager als Staatssekretär, das bisherige Vorstandsmitglied der Krupp-Stiftung, Professor Karl Heinz Sohn. Der 41 jährige Diplom-Volkswirt kann auf eine steile Karriere zurückblicken, die ihn vom Schriftsetzerlehrling über den DGB (dort war er Referent für Konzentrationsfragen und Leiter des Referats Mitbestimmung), über die Leitung der Kruppschen Stabsabteilung Volkswirtschaft und die Professur an der Dortmunder Sozialakademie nun in den Kreis Bonner Staatskünstler avancieren ließ.

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Nebenbei entwickelte Kanzler Brandt den Mut, gleich zwei Frauen zu parlamentarischen Staatssekretärinnen zu ernennen, was gewiß nicht nur ein Kompliment an jenes während der Bonner Regierungswoche in Düsseldorf tagende millionenschwere Damenkränzchen von Unternehmerinnen war. Wenn jeder achte Betrieb in der Bundesrepublik heute von einer Frau geleitet wird, brauchte sich auch Brandt der Forderung nicht verschließen, mehr Frauen auf verantwortliche Positionen der Regierung zu stellen.

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In der Unionsfraktion trat die erwartete Verjüngung ein. Kurt Schmücker hatte sich als Wirtschaftssprecher keine Chancen mehr ausgerechnet und sich von selbst in den Hintergrund zurückgezogen. Drei Wirtschaftler im weiteren Sinne wurden in den Kreis der sieben stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden einbezogen: Für die junge Garde Manfred Wörner, für die Sozialausschüsse Hans Katzer und womöglich als Mädchen für alles, besonders aber für Wirtschaft und Wissenschaft,Gerhard Stoltenberg. Er brachte es bei der Wahl auf eine stattliche Fraktionsmehrheit und kann sich nun nach einer Spitzenfunktion in der Partei umsehen.

Die von ihm angedeutete Absicht, in den Krupp-Konzern zurückzukehren, dürfte dann aber gegenstandslos werden, pflegt doch schon das Programm des Fraktionsstellvertreters abendfüllend zu sein und kaum noch einen "Halbtags-Job" bei Krupp ermöglichen. Seinen Einstand als einer der künftigen Wirtschaftssprecher der Union gab Stoltenberg bereits mit einer sehr diplomatischen Stellungnahme zur Wechselkursänderung. Verhandlungen mit dem Essener Konzern hatte es bis zum Wochenende noch nicht gegeben. Bei Krupp wußte jedenfalls niemand zu sagen, welche Vorstellungen der frühere Leiter der Stabsabteilung Volkswirtschaft von einer künftigen Nebentätigkeit an der Ruhr haben könne.

Weitere Schlüsselpositionen in den Arbeitskreisen der CDU/CSU-Fraktion besetzten hinreichend bekannte Leute: Dr. Ernst Müller-Hermann für Wirtschaft – er hätte auch Stellvertreter in der Fraktion werden können, ließ jedoch dem Landwirt Detlef Struve den Vortritt –, Wolfgang Pohle für Steuern und Finanzen, Dr. Hermann Götz für den Bereich Soziales. Der Vorsitz im Haushaltsausschuß des Bundestags soll der Opposition zufallen; für den ehemaligen parlamentarischen Staatssekretär im Finanzministerium, Albert Leicht, ist dieser Posten offen. Tür

In den Bonner Ministerien geht das Stühlerücken derweil unver-– mindert weiter. Aber keineswegs in der dem neuen Finanzminister zugeschriebenen Weise, nach der man nun Sonderzüge einrichten müsse, um parteipolitisch falsch orientierte Beamte in die Provinz zu schicken. Von den rund 10 000 Bonner Beamten brauchen bei strengen Maßstäben nur 100 mit ihrem Abschied zu rechnen. Alex Möller zeigte jedoch Eile, was nicht nur mit der allgemein als peinlich registrierten Rede des Ex-Finanz-Staatssekretärs Walter Grund zusammenhängt. In der Laudatio auf Strauß hatte Grund die Ansicht geäußert, "der Strauß-Abschied ist hoffentlich nur auf Zeit".

Alex Möller, bei dessen Amtsübernahme die ehemaligen Minister Strauß und Schmücker, dessen Haus zum großen Teil ins Finanzministerium überführt wird, im Gegensatz zu dem guten Stil, den andere CDU-Minister bewiesen, demonstrativ ferngeblieben waren, machte bisher in sieben Fällen von der "Säuberung" Gebrauch. Staatssekretär Grund tritt einen gründlichen Urlaub an, Schatzstaatssekretär Dr. Rudolf Vogel wird in den einstweiligen Ruhestand versetzt, und Albert Leicht kehrt ins Parlament zurück. Auf der Direktorenebene nahmen die Abteilungsleiter Dr. Ägidius von Schönebeck, Hans Clausen Korff, Walter Schädel und Dr. Ludwig Falk den Abschied.

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Die Ausgeschiedenen zogen sich grollend zurück. Einer von ihnen, nach seiner Zukunft befragt, meinte sichtlich ergrimmt, "ich will mich dazu überhaupt nicht äußern", und knallte den Hörer auf.

Der auf Zeit für die Finanzreform bestellte Staatssekretär Professor Karl Maria Hettlage wird sich voraussichtlich wieder verstärkt dem Institut für Wirtschaftsforschung (IFO) widmen, dessen Präsident er ist. Als Pendant für ihn sucht der Finanzminister einen Wissenschaftler, der sich – befristet – mit der längst überfälligen Steuerreform beschäftigen soll. Im Gespräch ist der in Zürich lehrende Finanzwissenschaftler Professor Heinz Haller, der als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Finanzministerium einschlägige Erfahrungen hat. Die übrigen Staatssekretäre bei Möller sind der ehemalige Haushaltsexperte der FDP, Dr. Hans Georg Emde (beamtet), und der SPD-Abgeordnete Dr. Gerhard Reischl (parlamentarisch).

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Im Landwirtschaftsministerium ist bisher als einziger Staatssekretär Dr. Fritz Neef ausgeschieden. Ministerneuling Josef Ertl, der kurz nach der Aufwertung spektakulär eine Nachrichtensperre über sein Ministerium verhängte, um die Ministerratsverhandlungen in Luxemburg nicht zu stören, hatte schon in seiner Antrittsrede keinen Zweifel gelassen, daß er auf Veränderungen nicht drängen werde. Er brauche vielmehr die Unterstützung aller. Der Oberlandwirtschaftsrat a.D., der schon am Montag seinen ersten schweren Gang antreten mußte, wird Hilfe nötig haben, vor allem auf internationalem Parkett. Fehlen doch nicht nur ihm, sondern auch seinen Staatssekretären Dr. Hans Dieter Griesau und Fritz Logemann einschlägige diplomatische Erfahrungen. Vermutlich wird Ertl starrer verhandeln als sein bayrischer Landsmann Höcherl, dem er häufig eine zu flexible Haltung und mangelnde "Parlamentshörigkeit" vorwarf.

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Im Arbeitsministerium ereignete sich in der Regierungswoche so gut wie nichts, nimmt man die Ernennung des schon 64jährigen Sozialdemokraten Walter Auerbach, bisher Staatssekretär im niedersächsischen Sozialministerium, aus. Und Ruhe, soweit es personelle Veränderungen betrifft, herrschte auch im Wirtschaftsministerium. Ob Schatz-Schmückers Jungmann Klaus Örtel in der vom Wirtschaftsministerium übernommenen Abteilung ERP-Sondervermögen bleibt, ist noch ebenso offen wie die Nachfolge des ausgeschiedenen Staatssekretärs Klaus von Dohnanyi, der parlamentarischer Staatssekretär bei Wissenschaftsminister Hans Leussink wurde. Schiller wird die Frage des zweiten beamteten Staatssekretärs möglicherweise zusammen mit dem Nachfolgeproblem von Bundesbank-Präsident Blessing lösen. Der Wirtschaftsminister hat alles andere als Eile, ist er doch nach eigenem Zeugnis einer der wenigen der neuen Regierung, die "mit fliegendem Start an die Arbeit gegangen" sind. Wolfgang Hoffmann