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Im Herbst, wenn die Frauen an ihre Wintergarderobe denken und die ersten spontanen Einkäufe machen, ist die Sommermode aller Konfektionäre für 1970 bereits fix und fertig, um geordert zu werden. Als jüngstes und südlichstes Modezentrum Italiens lädt Neapel mit seiner "Maremoda" – Mode für Strand und Ferienglück – nach Capri. Dies als Auftakt. Harmlose sonnenselige Urlauber und allerlei gewohnte Inselbewohner, sehen sich eines schönen Septembertages von exzentrisch verkleideten jungen Menschen umgeben. Falsche und echte Hippies, wovon die ersteren, reicher Eltern Kinder, meist aus England stammen, die anderen, in allen Sprachen parlierend und noch erschreckender verkleidet von nahen Inseln oder aus Positano kommen. Daneben Dressmen und Dressgirls, dollarschwere Einkäufer, Modeschöpfer, Presseleute und Photographen.

Aus dem Klosterhof der Certosa aber schallen drei Tage ununterbrochen und überlaut jene "sounds", zu denen die große Präsentation eingeübt wird. Schon jagt ein Pressebulletin das andere. Schließlich erscheinen auch die "very important people" Kommissionen aus Neapel, Geldgeber, Organisatoren und die Prominenten, denen der "Goldene Tiberius" verliehen wurde.

Irene Galitzine erhielt ihn für die Erfindung des "Palazzo-Pyjamas", eines Vorboten der Hosenmode, Francesco Illorini von der Lanerie Agnona als Spezialist für Wollstoffe höchster Qualität, Antonio Cerruti, als Avantgardist der Herrenmode, Ferragamo, Florenz, als König der Schuhe und Gianni Bulgari, Rom, Juwelier mit internationalem Prestige. Als Gäste aus Paris wurden Alexandre, der Coiffeur, schon seit Jahren "in", und Hubert de Givenchy als "Schneider" der perfektesten Schnitte gefeiert. Er war der eleganteste, schönste und mit seiner Zweimeterhöhe der größte aller Preisträger.

Maremoda-Capri, das Festival der Eitelkeiten, als privates Experiment gestartet, wird nun straffer organisiert. Fünfzehn Firmen unter Capri-diffussione (Konfektion) zeigten im Theater des Hotels Quisisana ihre von Sandro Massimini inszenierte Show, während neunzehn Couture-Häuser unter der Regie von Gavin Robinson ihre Mitternachtsschau im Freien in der Certosa vorführten. Vierundvierzig Hersteller von Schmuck und Accessoires-Moden waren im Palazzo Cerio untergebracht. Die Mode mischte sich zwischen Promenierenden, drängte sich durch die engen Straßen, zeigte sich nächtlich mit Donnergrollen am Swimming-pool der Marina Piccola und schloß mit einer theatralischen Adio auf der Piazetta, die als Kulisse diente. An die hundert Mannequins und Dressmänner in ihren spektakulärsten Modellen standen und saßen in den Fenstern, auf Terrassen und Dächern und winkten, von Scheinwerfern angeleuchtet und von Musik begleitet, zum allgemeinen "A reviderci".

Das Neue der italienischen Strand- und Ferienmode ist das "Bauchtänzerinnen-Decolleté". Unterhalb des Busens bis zu jener Höhe der Hüften, die noch den Nabel zeigt, ist man nackt. An der oberen Grenze sitzt der Mini-BH oder die geknotete Bluse möglichst mit langen Ärmeln. Der schmale Sarong, seitlich gebunden und bis zu den Fesseln reichend, der Mini-Wickelrock, die Bermudas und langen Hosen sowie alle schweren Ledergürtel mit rustikalen Schließen werden in Hüftweiten, nicht nur in Taillenweiten angeboten. Ein neuer Gang, von flachen Sandalen unterstützt, das lange Zeit vergessene "sich in den Hüften wiegen" macht sich plötzlich wieder bemerkbar. Dieser neue "Capri-Nude-Look" scheint’ es zu sein, den der Vatikan umgehend als Zeichen bodenloser Dekadenz anprangerte.

Die nächtliche Schau in der Certosa zeigte deutlich Italiens Einstellung zur Mode. Der Mann gehört gleichberechtigt dazu. Sein Auftritt gilt als selbstverständlich. So brachte eine Szene des "Modicals" zugleich 36 Personen auf die Bühne. Es waren zwölf Paare, jedes mit einem Bambini, das auf "Vaters" Schulter hockte und mit einem Dauerlutscher gut beschäftigt war. Alle steckten in sandfarbenen Gewändern, mini- sowie maxilang, in Anzügen, Kitteln, mit Stirnbändern und Amulettenschmuck an langen Kordeln. Ausblick in die ferne Zukunft? Mit stürmischem Applaus quittiert.

Nun, die Kindermode paßt sich in Italien schon heute der Mode der Erwachsenen an. Winzige Mädchen mit offenen Mähnen erscheinen abends in Hotelhallen in putzigen Hosenanzügen, ähnlich wie die ihrer Mütter, während die Buben ab vier Jahren lange weiße Hüfthosen mit breiten Ledergürteln zu marineblauen Pullis tragen, genau wie die Väter.

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Die Sommerfarben Italiens sind neben Goldgelb, dem klassischen Marine und Rot-Weiß, eher düster. Ein mattes Celadon-Grün, ein wie verblichen wirkendes Stahlblau, daneben viel Braun sehen zu sonnenbrauner Haut prächtig aus. Weiß erscheint immer zu Lila und Schwarz, zu Burgunderrot und Schwarz, auch zu Lila und frechem Pink oder getönt, als Elfenbein zu Marine und Brombeere. Geometrische Muster, präzise kopierte Art-Deco-Drucke und breite Bordürenmuster stehen an erster Stelle. Riesige Blumendessins sind immer stilisiert oder genau aus Folklorestoffen übernommen.

Die jungen Männer schmücken sich dauergewellt mit Löwenfrisuren à la Beethoven. Koteletten sind dabei nur mehr angedeutet. Männliche Hippies haben melancholische Bärte und raffen ihr überlanges Haar mit Spangen im Nacken. Wer "in" ist, behängt sich mit schwerem afrikanischen oder indischen Silberschmuck. Goldene Klappergürtel sind passé. Gold muß echt sein und hängt als Amulett, "Fisch" oder "Hand gegen den bösen Blick" deutlich sichtbar auf dekolletierter Brust. Was für alle gilt.

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München, noch in Oktoberfeststimmung, schiebt sich mit seiner Modewoche ganz schön nach vorn. Mehr als tausend Konfektionäre zeigten auf dem Messegelände, 57 Aussteller im Modezentrum, 47 im Haus der Konfektion, 110 in eigenen Räumen und 180 in Hotels ihre Kollektionen. Zwanzig Länder brachten ihre Modelle nach München. Frankreich stand mit 127 Firmen an der Spitze, Italien folgte mit 74 Ausstellern, England mit 59 Firmen.

Je modischer die Modelle, je knapper kalkuliert, desto schneller füllten sich die Orderbücher. In manchen Firmen wurden teilweise bis zu 150 Kunden am Tag bedient, und das Gedränge zwischen den Kleiderständern stimulierte ebenso zum Kaufen wie die rechtzeitige Verabreichung einer herzhaften – bayerischen Brotzeit. Die Zufriedensten konnten ein Plus von 50 Prozent und mehr der Vorjahrsmusterung melden. Das "Modische" des kommenden Sommers sind weder neue Schnitte noch neue Längen. Es sind Stoffe, Drucke und Farben, die heute Mode machen.

Ein "Zurück zur Natur", trotz synthetischer Beihilfe, ein Hang zur Folklore macht sich bemerkbar. Ungebleichter Nessel, bestickt, bedruckt, beschichtet, mit Jacquardmustern durchwebt, oder leichtes Segeltuch machen das Rennen. Selbst das aus der Schneiderei ausrangierte Steifleinen zeigt sich als Oberstoff. Jute, Matratzendrelle, farbige Jeans- und Schwestern-Stoffe gehören in die gleiche Familie, deren feinstes Mitglied, Baumwolldamast, an Tafeltücher erinnert. Kreuz- und Plattstichstickereien, Holzperlen und Plastikpailletten passen auf diese neuen Sommerkleider.

Münchens Bessie Becker feierte mit solch appetitlichen Modellen ein Comeback. Ralph schenkte seiner "Boutique-Mode" den modernsten Schauraum Münchens und überzeugte mit quirligen Gipsy-Kleidern und seinem "Mode-mix", einem Programm aus Rock, Bluse, Blazer und Strickjacken in attraktiven Farben. Daneben eine Serie Flatterkleidchen der weichen Welle in kosmetisch zarten Farben. Rustikales steht also neben Schmiegsamem. Jersey vom groben Strickstoff bis zum seidig glänzenden "wet-look", als Transparentjersey mit kaum mehr erkennbaren Maschen und Rippen jeder Art in der Strickmode, gehören mehr denn je ins neue Stoffbild. Der "jumpsuit" als einteiliger Hosenanzug fordert zu strengem Fasten auf, was auch den Mini-Bikinis zugute käme, denn wenn die Strandmode sich auch sechs- bis siebenteilig vorstellt mit Kleidchen, Bermudas, langen Hosen und Röcken – schön ist das alles nur an eidechsenschlanken Figuren.

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Auch in München werden Hersteller zu Schaustellern. Die ICI mietete für ihre Crimplene-Schau gleich den ganzen Zirkus Krone, während "Nino" mit Daniel Hechter, Paris, ins elegante Restaurant Humplmayr bat. Zur Glenn-Miller-Musik kamen die Mannequins im Trippel-Hüpf-Schritt in superkurzen Faltenröcken, engen Jacken mit unterlegten Schultern und Knopflochblumen die Treppen herunter. Auch die adretten weißen Sportblusen der vierziger Jahre fehlten nicht. Nur die riesigen Brillen, Glockenhüte, das Make-up und die überlangen Schals waren sehr von heute. Die dunklen Farben wurden kombiniert wie in Italien. Darüber naturweiße Nino-Regenmäntel von Mini bis Maxi.

Noch immer gelten bei uns Maxi-Mäntel als Prognose oder Herausforderung. "Gangsters of Valstar", London, zeigte sie nun schon in der dritten Saison in den Messehallen als Regenmäntel. Daneben dreiviertellange Jacken, die, darauf wurde hingewiesen, in London zu den denkbar kürzesten Minikleidern als Mäntel verkauft werden. Durch überlange Rückenschlitze der Maximäntel werden die nackten Beine in Stiefeln aber bei jedem Schritt sichtbar. Diesen "Gangsters" war es ein leichtes, innerhalb kürzester Zeit an fünf deutsche Pressedamen den gleichen Maximantel zu verkaufen. Fragt sich nur, wann sie sich darin auf die Straße trauen werden. Die englischen Ledermäntel von "Cordoba", deren männliche Stücke auf nacktem Oberkörper vorgeführt wurden, waren für "sie und ihn" patchwork-gestückelt in Senf-Aubergine-Braun-Schwarz, mit farbig bemalten Metallscheiben als Knöpfe. Neu und auch bei uns soeben lanciert ist "Jungle-Suede", ein eigenartig verfärbtes Velourleder, das auch einen Stichelhaartouch haben kann.

Zehn gleichgesinnte junge Firmen, von Hoechst mit Trevira unterstützt, bildeten einen Zehnerklub und richteten sich zum Verkaufen in der weißesten Halle die man je zu sehen bekam, in zehn ebenso weißen Iglus ein. Mit diesem Bau zeigte Hoechst zugleich, was man aus Hostalit-Z alles machen kann. Runde Bühne, statt Laufsteg, umgeben von einer Herde Mammutsesseln aus Klarsichtfolie. Regie der Show: Ernest Martin. Trotz der verschiedenen Handschriften der Kollektionen reihte sie sich nahtlos aneinander. "Hair" sei Dank! Zu seinen Chorälen wiegt und wogt sich’s gut, in massiven Gruppen und kindlichem Ringelreihen. Kein Einwand, solange man die Kleider noch zu sehen bekommt.

Elegante Kleider für Frauen um dreißig und aufwärts sind die Attraktion der Berliner Modellkonfektion und gemeinsames Leitbild aller Modellhäuser. Damen mit gesellschaftlichen Ambitionen oder Verpflichtungen werden hier so komplett angezogen, daß es fast unmöglich scheint, noch eine persönliche Note hinzuzufügen. Die Farben sind dezent, heiter oder kleidsam leuchtend, um "jung zu machen". Die Verarbeitung ist perfekt, die Stoffe wertvoll und die Schnitte sind auf Figurprobleme ausgerichtet. Das alles schraubt die Preise nach oben.

Um der jüngeren Käuferin entgegenzukommen, hat nun auch Staebe-Seger die Gruppe "Aktueller Chic" vorgestellt; Modelle, die den Einzelhändlern nicht höher als bis 200 Mark angeboten

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werden. Uli Richter praktiziert das ähnlich schon längere Zeit mit seiner "Uli-special-Kollektion", die, streng kalkuliert und rationell gefertigt, sehr erfolgreich ist. Mit seiner Couturekollektion konnte er soeben sein zehnjähriges Jubiläum feiern. Neu die Bühne, neu die modernen Klappstühle. "Glamour-Look" für die ganze Kollektion, mit farbigen spotlights bestrahlt, von heißer Musik begleitet und von zwölf Mannequins vorgeführt. Sie verlieh der Berliner Durchreise Glanz und verbreitete gute Laune.

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Für Luxusreisen gab es Jet-set-Ensembles jeder Art, daneben beschwingte kurze Mäntel, schmale Maximäntel, sportliche Blazer für den Vormittag, aus bedruckter Twillseide zu eleganten Kleidern mit wippendem Rock. Sensationell: Jacken und Mäntel aus Pythonschlange, nicht nur attraktiv naturgemustert, sondern korallenrosa, kittweiß, blaßgrün und bordeauxrot eingefärbt. Purpurblau, als kräftiges Lila, Rose Centifolia, Hummer, Aprikose sowie ein frisches Mintgrün sind die neuen Frühlingsfarben. Dazwischen stellte sich, von einer zierlichen Japanerin vorgeführt, die Hostessengarderobe für die Weltausstellung in Osaka vor, ein korrekter Anzug in Lackrot mit Berliner Chic.

In Berlin zum erstenmal gezeigt sind Minikleider, die, mit Wickelrock, Bolero oder Maxijacken komplettiert, ein Kostüm vortäuschen. Bei Braasch und studio-dress die gleiche Version mit wadenlangen Röcken als tastender Versuch und als Beweis, daß man weiß, "wohin der Hase läuft". Einkäufer sehen noch daran vorbei, sie schieben den Schrecken der langen Röcke vor sich her bis in den Winter 1971. Sie setzen auf Nummer sicher, also auf Ungaro, dessen plakative, zweifarbige Mode in Unmengen abgewandelt und in jeder Preislage angeboten wird.

Bei Jumo wiederum wird keine Anstrengung gescheut, um Damen der lebensfrohen Größen 44 bis 50 und noch molliger à la "Paris" und "Rom" vorteilhaft anzuziehen. Spektakulär dargestellt: hier das Originalmodell – dort die verschiedenen Abwandlungen immer an entsprechenden Mannequins. Unablässig wird hier alles getan, um "Madame" das Gefühl zu nehmen, sie sei ein "Elefant".

Beobachten sollte man Horst Hentschel, den einzigen jungen Couturier in Berlin. Über Hudsons pastellfarbenen Body-stockings wurden Minikleidchen mit allerlei Gucklöchern gezeigt. Ein neuartiger Transparentlook mit Tarneffekt. Daneben aber liefen einige Modelle mit erstaunlichem modischen Gespür und gemäßigtem Hippie-pep, am Spinett begleitet.

Wie die allgemeine Mode von den Verkleidungen der Hippies profitiert hat, wird deutlich sichtbar am Folklorelook der Jugend oder dem gepflegten Zigeunerinnenstil sündteuerer Abendkleider für die Arrivierten. Wenn aber Hippie-Cliquen von Capri stoßweise Ansichtspostkarten in die Welt verschicken (welch bürgerliches Unterfangen), die langen Volantkleider der Hippie-Mädchen und ihre gestickten Bauernblusen auf Cocktailpartys auftauchen, werden Extreme zu Seifenblasen. Nur die letzten echten Hippies lächeln unentwegt dazu.