Zum zehnten Male Internationale Industriefilm-Festspiele in Berlin

Von Wolfgang Müller-Haeseler

Wußten Sie schon, daß der Mensch schneller laufen als sehen kann? Die sechs Mitglieder der Jury, die für die X. Internationalen Industriefilm-Festspiele im November in Berlin aus 90 eingereichten deutschen Filmen die 15 besten als deutschen Beitrag für Berlin auswählen mußten, erfuhren es am eigenen Leibe. Das Abspulen von 55 Kilometer Zelluloid der 90 Filme dauerte nämlich rund 36 Stunden, während man zu Fuß für die gleiche Strecke rund elf Stunden gebraucht hätte.

Aneinandergeklebt werden die Filme aus 14 Ländern, die vom 11. bis zum 15. November in Berlin präsentiert werden, eine noch größere Strecke ausmachen, denn dort werden 120 Filme gezeigt. Wer sie alle sehen will, muß 44 Stunden in den Vorführräumen ausharren.

Es sind imposante Zahlen, die man auf dem "Festival der 1000 Schräubchen" – wie Berlins Starkritiker Friedrich Luft vor Jahren einmal die Industriefilm-Tage nannte – erfährt. Zum Beispiel, daß mit den Industriefilmen alljährlich mehrere Millionen Menschen erreicht werden, daß sich die Aufnahmezeit für manchen Film über Monate erstreckt, länger jedenfalls als für viele abendfüllende Spielfilme, daß mancher Industriefilm mehr als eine halbe Million Mark kostet. Was aber die wenigsten erfahren, ist der Inhalt aller dieser Filme, die im Auftrage der Industrie, der Verbände oder auch von Behörden produziert und auch finanziert werden. Und nicht nur das, auch der Vertrieb dieser Filme geht ausschließlich zu Lasten der Auftraggeber. Immerhin werden allein in der Bundesrepublik im Jahr durchschnittlich rund 80 Millionen Mark für Herstellung und Vertrieb von rund 400 Industriefilmen ausgegeben.

Aber bis heute hat es – mit Ausnahme der Jury-Mitglieder – wohl noch niemand geschafft, sich einen kompletten Überblick über das gesamte Angebot an Industriefilmen eines Jahres zu verschaffen. Denn trotz vieler harter, oft auch nur vom Konkurrenzdenken diktierter Kritik an den Auswahlmethoden hat es bis heute noch nicht einmal ein Vertreter der konkurrierenden Industriefilm-Produzenten gewagt, sich von Anfang bis Ende die Vorführung der eingereichten Filme anzusehen.

"Ich bin der Größte"