Von Sepp Binder

Durch die Straßen der Hauptstadt Mogadischu ziehen Demonstranten und feiern das erst wenige Tage alte Regime. "Lang lebe die Revolution", skandieren sie in Sprechchören und lassen Putschgeneral Mohammed Siyad und seinen "Nationalen Revolutionsrat" hochleben. Sechs Tage nach der Ermordung und einen Tag nach der Beisetzung des somalischen Staatspräsidenten Abi Raschid Ali Schermarke, an der Sambias Präsident Kenneth Kaunda als einziger Staatschef des Schwarzen Kontinents teilnahm, ist Afrika um eine Militärregierung reicher geworden.

Der gemeinsame Staatsstreich von Armee und Polizei weist in seinen bislang bekannten Einzelheiten Parallelen zum Putsch in Libyen Anfang September auf. Damals zeigte sich das Militär in Tripolis und Rabat über die geringen Schwierigkeiten beim Sturz König Idris’ ebenso überrascht wie heute die Offiziere am Horn von Afrika. General Siyad löste ohne Widerstand die somalische Nationalversammlung auf, verbot alle Parteien, suspendierte die Verfassung und setzte das Oberste Gericht ab. Und während Ministerpräsident Ibrahim Egal und sein Kabinett im Gefängnis auf ihren Prozeß warten, weil sie als "Blutsauger der Nation" öffentliche Ländereien unter Preis an politische Freunde verkauft haben sollen, versucht der Revolutionsrat seine Macht mit den Methoden und der Terminologie aller neuen Regimes zu stärken: Korruption und Stammesdenken sollen als "schlechtes Erbe ausgemerzt" werden, allgemeine Wahlen sind "zu einem günstigen Zeitpunkt" versprochen.

Doch obwohl der Revolutionsrat in einer Sieben-Punkte-Regierungserklärung die Einhaltung aller internationalen Verträge garantiert und die territoriale Integrität vor allem der beiden Nachbarstaaten, Äthiopien und Kenia, anerkannt hat, sieht man in Addis Abeba und Nairobi mit Sorge auf die innenpolitische Entwicklung der neu ausgerufenen Somalischen Demokratischen Republik. In Kenia und Äthiopien leben rund ein Drittel der dreieinhalb Millionen Somali. Und die "aktive Befreiungspolitik" nach der klassischen Idee des italienischen Irredentismus führte zwischen 1960 und 1964, der Regierungszeit Schermarkes, zu einem permanenten Kleinkrieg in den östlichen und südlichen Grenzgebieten. Damals lautete die militante Devise: "Mehr Nationalismus als Nation ", und die Sowjetunion baute zu diesem Zweck eine 20 000 Mann starke Armee auf; die Ausrüstung und Ausbildung der somalischen Polizei erfolgte durch den Westen – insbesondere durch die Bundesrepublik.

Die Sowjets galten bei den Somali ebensowenig als ideologische Ziehväter wie die westlichen Länder. "Wir können uns mit dem Westen und dem Osten verheiraten und beiden treu sein." Nach diesem Motto mohammedanischer Vielehe betrieb Mogadischu eine flexible Politik der Allianz und des Ausgleichs zwischen den beiden Großmächten. Einseitiger Druck von außen blieb demzufolge im Streit mit Kenia und Äthiopien aus.

Erst 1967 folgte dem militanten Kurs eine Phase der Entspannung: Die Sperrung des Suezkanals nach dem israelischen Sieg über Ägypten brachte Somalias Bananenexport zum Erliegen; die Aufnahme wirtschaftlicher Beziehungen mit den Nachbarländern war lebensnotwendig und erforderte eine freundlichere Politik. Schermarke, im selben Jahr zum Staatspräsidenten gewählt, sah seinen Traum eines Großsomaliens gefährdet. Neutralität und politische Enthaltsamkeit, die der Verfassungsauftrag von ihm verlangte, lagen ihm nicht. Er mischte sich zu oft in die Regierungsarbeit des Kabinetts ein. Sein Verhältnis zu Ministerpräsident Egal war ebenso gespannt wie zu den siebzehn kleinen somalischen Parteien, die er zugunsten seiner eigenen Partei, der Somali Youth League, stets zu behindern versuchte: Die Kritik an den Parlamentswahlen vom März wuchs deshalb immer stärker, Unruhen forderten in den letzten Monaten 45 Todesopfer.

Trotz der eigenwilligen Amtsausübung Schermarkes ist auch nach dem Militärputsch keineswegs klar, ob darin Gründe für seine Ermordung zu finden sind. Die Motive des 22jährigen Attentäters und Polizisten, Said Yusuf Ismal, sollen zwar von einer offiziellen Kommission untersucht werden, und der Revolutionsrat "teilt den den Schmerz der Bevölkerung über den Präsidententod" – die Machtübernahme durch Armee und Polizei erwies sich aber als zu gründlich vorbereitet und erfolgte zu schnell, als daß nicht letztlich doch die Koordinaten des Putsches sichtbar werden könnten.