Kiel

Da saßen sie nun, die alten und die neuen Herren von Partei und Staat, im Landeshaus an der Kieler Förde unter einem Dach. Sie schienen erleichtert, denn Fraktion und Landesvorstand hatten sich zuvor von Ministerpräsident Helmut Lemke überzeugen lassen, daß er mit seinen drei jungen neuen Männern im Kabinett eine gute Wahl getroffen habe. Der 62jährige Regierungschef von Schleswig-Holstein unterdrückte seine Erregung. Ihm gingen die Namen der neuen Herren nicht gerade glatt über die Zunge. Dr. Karl-Heinz Narjes, 45 Jahre, bislang Generaldirektor bei der EWG-Kommission in Brüssel, löst den 60jährigen Gerhard Gaul als Wirtschaftsminister ab.

Neüer Kultusminister wird der 39jährige Wirtschaftswissenschaftler Professor Walter Braun. Der evangelische Dorfpastor Kurt Hannemann kommt aus Gesundheitsgründen nicht wieder. Auf den Stuhl des Justizministers setzt sich Dr. Henning Schwarz, 41 Jahre alt, Sohn des früheren Bundesernährungsministers. Claus-Joachim von Heydebreck, 63 Jahre alt, geht aufs Altenteil.

Kai-Uwe von Hassel, stellvertretender CDU-Landesvorsitzender an der Küste, blickte seinen Amtsnachfolger Dr. Lemke aufmerksam an, als dieser die Namen genannt hatte. Denn da entfuhr es dem Regierungschef: "Es gab von mir keine einsamen Entschlüsse. Ich glaube, das Ergebnis ist gut. Wir wollten, daß eine neue Ära beginnt."

Zweifellos werden die drei Neuen auch Regierung und CDU mit neuen Ideen beleben. Und das tut not, denn bei der Bundestagswahl wurde die CDU angeschlagen. Sie war so arg mitgenommen, daß sich neben Hassel auch der stellvertretende Landesvorsitzende Gerhard Stoltenberg mit auf die Ministersuche machte.

Der CDU in Schleswig-Holstein steht, weil es die nachdrängenden Kräfte aus der Heimat und die in Bonn sitzenden Schleswig-Holsteiner so wollen, eine "neue Ära" ins Haus. Davon wird auch Lemke, seit 1963 ununterbrochen Regierungschef im Norden, sicher nicht ausgenommen. Vor nicht allzu langer Zeit meinte er kühn, er wolle nach der Landtagswahl im Frühjahr 1971 noch einmal eine Legislaturperiode regieren. Man tritt ihm in Kiel nicht zu nahe, wenn man heute sagt, diese Wunschträume gehen nicht in Erfüllung.

Nach dem Rücktritt des Wirtschaftsministers Knud Knudsen verhedderte sich der Regierungschef in die Fallstricke komplizierter Personalpolitik. Zunächst wurde die Junge Union, dann die jungen Leute in der CDU-Fraktion und schließlich die Bonner Parteispitze nach der Wahlmisere aufmerksam. Sie alle entschieden jetzt mit. Falls 1971 bei der Landtagswahl die Mehrheit für einen CDU-Regierungschef erneut ausreicht, werden sie zweifellos auch mitentscheiden, daß der dann 65jährige Lemke nicht wieder ins Landeshaus an der Förde einzieht. Die Ära Lemke geht zu Ende.

Was im Kabinett begann, soll nun in der Fraktion fortgesetzt werden. Schließlich ist die 36köpfige CDU-Landtagsfraktion – einschließlich der beiden FDP-Überläufer – mit dem heutigen Durchschnittsalter von 56 Jahren eher eine Arbeitsgemeinschaft der Honoratioren, denn eine politische Kampfgemeinschaft, die die nächste Wahl gewinnen will. Hannelore Asmus