Fast schon zur Legende sind jene denkwürdigen Jahre kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geworden, in denen sich, weit weniger spektakulär, indes nicht minder folgenschwer, im Bereich der Biologie ähnlich weitreichende und umwälzende Entwicklungen anbahnten, wie sie kurz zuvor mit der Entdeckung der Kernspaltung auf dem Gebiet der Physik eingeleitet worden waren. Damals, vor rund 25 Jahren, schlug die Geburtsstunde der Molekularbiologie, einer Wissenschaft, die wie kaum eine andere unser künftiges Schicksal tiefgreifend zu beeinflussen verspricht. Mit der Verleihung des diesjährigen Nobelpreises für Medizin an die amerikanischen Virusforscher Max Delbrück, Alfred D. Hershey und Salvadore E. Luria hat das Königliche Karolingische Institut in Stockholm jetzt drei Pioniere der modernen Biologie mit der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnung geehrt, deren Arbeiten den Grundstein zu unserem heutigen Wissen von den molekularen Grundlagen des Lebens, insbesondere den Vererbungsvorgängen, gelegt haben.

Selten wurde die spezifische Funktion der Molekularbiologie als Brücke zwischen den Naturwissenschaften durch die Persönlichkeiten der Laureaten so deutlich symbolisiert wie in diesem Fall.

Max Delbrück, geboren 1906 in Berlin, studierte ursprünglich Astronomie, promovierte in theoretischer Physik in Göttingen und wandte sich erst später auf Anregung des Atomphysikers Niels Bohr biologischen Problemen zu. 1937 ging er als Rockefeller-Stipendiat an das berühmte Technologische Institut von Californien in Pasadena, lehrte dann einige Jahre Physik an der Vanderbilt-University und kehrte schließlich 1947 wieder an das "Caltech" in Pasadena zurück, dessen molekularbiologische Laboratorien sich unter seiner Leitung zum Mekka der internationalen Virusforschung entwickelten.

Alfred D. Hershey wurde 1908 in Lansing/Michigan geboren. Er studierte Chemie an der State University in Michigan, dozierte zunächst Bakteriologie an der Washington University in St. Louis und ist seit 1963 Leiter der Abteilung für Genetik der Carnegie-Stiftung in Washington.

Salvadore E. Luria stammt aus der italienischen Stadt Turin. Er ist Mediziner. Seine wissenschaftliche Laufbahn führte ihn zunächst an das Curie-Institut für Radiologie nach Paris. 1940 emigrierte er in die USA, lehrte an verschiedenen amerikanischen Universitäten und wurde schließlich Professor für Mikrobiologie am Technologischen Institut von Massachusetts.

Was ist Leben? Dies war die zentrale Frage, von der der Physiker Delbrück, der Chemiker Hershey und der Mediziner Luria, alle drei "Nichtbiologen", von der jeweils spezifischen Betrachtungsweise ihrer verschiedenen Wissenschaftszweige ausgingen.

Es entspricht wohl der beim Physiker in besonderem Maße ausgeprägten Fähigkeit zur Abstraktion, daß es Delbrück war, der in den vierziger Jahren mit genialem Weitblick Bakterien und besonders Viren, jene eigenartigen, winzigen Strukturen an der Grenze zwischen belebter und unbelebter Materie in den genetischen Forschungslaboratorien "hoffähig" machte in der Erkenntnis, daß die Drosophila-Fliege, das Standardobjekt der klassischen Genetik, keine Antwort auf die Frage nach der materiellen Grundlage der geheimnisvollen Erbinformation geben konnte. Eine Fliege ist in den Augen der Molekularbiologen schon ein hoffnungslos komplizierter Organismus. Nötig schien jetzt ein einfaches Modell, und dieses hatte Delbrück in den Viren gefunden, besitzen sie doch quasi nur ein "geborgtes Leben"! Viren können sich nur in lebenden Zellen vermehren, sie müssen sich deren Stoffwechselfabrik sozusagen ausleihen; außerhalb der Zelle sind sie "tote" Moleküle.