Von Wolf Häfele und Jürgen Seetzen

I.

Jerome B. Wiesner hat auf der sechsten Pugwash-Konferenz die Theorie des stabilen, bipolaren, strategischen Gleichgewichtes entwickelt. Um sinnvoll abrüsten zu können, war es nach den Ausführungen Wiesners zunächst einmal nötig aufzurüsten. Der schockierende Widerspruch dieser Formulierung löst sich auf, wenn verstanden wird, daß es sich dabei nicht um eine unspezifische, allgemeine Aufrüstung handelt, sondern um eine ganz spezielle, gezielte Aufrüstung: die Erstellung von gehärteten Bunkern für interkontinentale Feststoffraketen. Härtung heißt hier, daß die Feststoffraketen in unterirdischen Bunkern untergebracht sein sollen, die einen Atomschlag, der nicht genau den Bunker trifft, unversehrt überstehen. So entstand die Fähigkeit zum zweiten Schlag, die second strike capability. Nach einem ersten, das Land vernichtenden Atomschlag durch den Angreifer hat der Besitzer der second strike capability die Fähigkeit zur Vergeltung. Damit entfällt für den Angreifer der Anreiz zum ersten Schlag, die Situation zwischen den Kontrahenten wird stabil.

Amerika und Rußland besitzen seit den frühen sechziger Jahren diese second strike capability. Demzufolge ist die strategische Situation erheblich stabiler geworden als in den fünfziger Jahren, wo der Angreifer hoffen konnte, Flugplätze für strategische Bomberkommandos und ungeschützte Raketenabschußbasen im ersten Schlag zu vernichten. Es ist natürlich, daß aus dieser stabilen Lage heraus die Frage der arms control im weiteren Sinn und die Frage der Abrüstung im engeren Sinn in den Mittelpunkt der eigentlichen Weltpolitik tritt. Dabei haben aber alle Beteiligten immer vor Augen zu haben, daß Abrüstung nur bei Stabilität in der strategischen Dimension möglich ist. Sogar einzelne Aufrüstiingsschritte können dabei erforderlich sein. So scheint es, daß die Treffgenauigkeit der Interkontinentalraketen in den letzten Jahren so erhöht werden konnte, daß sie einzelne Raketenbunker auf der gegnerischen Seite vernichten können. Das würde die second strike capability des Gegners ausschalten und die Weltlage destabilisieren. Es ist dann gerechtfertigt, die Raketenbunker durch ein spezielles, gerade diese Bunker schützendes ABM-System, das heißt Raketenabwehrsystem, erneut zu härten. Aufrüstung ist also nicht mehr einfach Aufrüstung und Abrüstung nicht einfach Abrüstung. Um solchen strategischen Sachverhalt erfassen zu können, ist Abstraktion zu vollziehen, Abstraktion, die den scheinbaren Widerspruch auflöst, der zum Beispiel darin liegt, Aufrüstung zu fordern, um abrüsten zu können. Dies erinnert den Physiker an all die Abstraktionen, die erforderlich waren, um die Physik der Atome und der Atomkerne zu verstehen, das heißt, ihre scheinbaren Widersprüchlichkeiten aufzulösen. Es scheint so, daß über die Physik hinaus der Umgang mit dem Atom Abstraktion erzwingt.

Das stabile strategische Gleichgewicht hat aber nicht nur die Funktion, eine Voraussetzung für Abrüstung zu sein, sondern es erlaubt auch eine neuartige Freiheit für die Staaten, die nicht dieses Gleichgewicht tragen, also in der heutigen Lage alle Staaten außer Amerika und Rußland. Da strategische Probleme im Weltmaßstab allein Amerika und Rußland binden, liegt für alle anderen Staaten das Problem ihrer militärischen Sicherheit auf Ebenen unterhalb der des strategischen Gleichgewichts. Im konkreten Fall ist die Lösung damit verbundener Probleme dann jeweils sehr verschieden. Noch; immer ist der notwendige militärische Aufwand etwa für die Staaten Europas groß, weil auch unterhalb der strategischen Ebene erhebliche Gleichgewichtsprobleme zu lösen sind. Darüber hinaus ist der Aufwand unterhalb der strategischen Ebene mit dem Schutz auf der strategischen Ebene zu verrechnen, der beispielsweise von Amerika den NATO-Staaten gewährt wird. Damit sind, wie gesagt, viele Probleme verbunden, die hier jedoch nicht entfaltet werden sollen, denn es handelt sich hier nicht um einen militärtheoretischen Aufsatz. Der Zielpunkt dieser Überlegungen liegt anderswo.

Das Aussparen der weltstrategischen Ebene kann Kräfte schonen und kann einen neuen politischen Spielraum geben, denn auf der strategischen Ebene neutralisieren sich ja die Pole Amerika und Rußland. Solange sie diese Neutralisierung nicht gefährden, können alle Staaten außer Amerika und Rußland sich politisch innerhalb gewisser Grenzen; frei bewegen, denn von der strategisch neutralisierten Ebene kann ihnen eigentlich nicht gedroht werden. Nur von daher läßt sich verstehen, warum Frankreich eine relativ unabhängige, den Interessen des atlantischen Bündnisses unterhalb der strategischen Ebene oft zuwiderlaufende Politik überhaupt verfolgen kann. Auch das ziemlich unabhängige Auftreten Indiens läßt sich so verstehen. Innerhalb engerer Grenzen gilt das auch für die Staaten des Ostblocks. Jedoch hat die Besetzung der ČSSR deutlich gemacht, daß die Frage des Verhältnisses zur eigenen atomaren Schutzmacht dann noch einmal zu stellen ist.

Hand in Hand mit dem Phänomen eines erweiterten politischen Spielraums für alle Staaten unterhalb der strategischen Ebene geht eine Einengung des Spielraums, für militärisches und bis zu einem gewissen Grade sogar auch politisches Handeln Amerikas und Rußlands. Eine in militärischer Hinsicht drittklässige Nation wie Nordkorea konnte es sich erlauben, das amerikanische Nachrichtenschiff Pueblo aufzubringen. Im militärischen Bereich spaltet sich die früher einheitliche Ebene praktischer Möglichkeiten in minder stens zwei Ebenen auf: die Ebene, auf der sich das bipolare strategische Gleichgewicht formiert, und wenigstens eine Ebene, in der die zumeist konventionelle Rüstung aller übrigen Staaten sich darstellt. Hand in Hand mit diesem Auseinandertreten der Ebenen militärischen Geschehens geht die eben besprochene Unsymmetrie politischer Handlungsmöglichkeiten. Das heißt aber, daß im Zeitalter der Atomwaffen militärische Stärke sich nicht mehr ohne weiteres in politische Stärke umsetzen läßt. Es löst sich die Parallelität von militärischer Macht und politischer Macht auf. Der Umgang mit dem Atom zerbricht diese Parallelität.