Von Joachim Schwelien

Washington, im Oktober

Am 17. November werden die Amerikaner und die Sowjets in Helsinki einleitende Besprechungen über eine Begrenzung der strategischen Atomrüstung aufnehmen. Damit treten Amerika und die Sowjetunion in weltpolitisch höchst bedeutsame Verhandlungen ein – vielleicht wichtigsten Verhandlungen, die jemals zwischen ihnen geführt wurden. Eine Stabilisierung des Rüstungsgleichgewichts auf diesem Gebiet würde, wie der amerikanische Außenminister William Rogers feststellte, für sich zwar noch keine Entspannung bedeuten. Aber es liegt auf, der Hand, daß eine Bestätigung des strategischen Gleichgewichtes auch das politische Verhältnis der beiden Atomgiganten zueinander unmittelbar beeinflussen würde. Sie könnte zu einem funktionellen Zustand der Ausgewogenheit und zu einer Konvergenz auf wechselseitig respektierte Interessengrenzen hinführen.

Zum erstenmal streben die Vereinigten Staaten und Rußland eine atomare Rüstungsbegrenzung im Sinne der Präambel des Atomsperrvertrags an. Sie ziehen keine dritte Macht zu diesen Verhandlungen hinzu, was die Belanglosigkeit der Atomrüstungen Chinas, Frankreichs und Englands illustriert; kein anderes Land ragt bisher in die Sphäre dieser strategischen Waffensysteme hinein. Allerdings, wenn auch zum erstenmal eine tatsächliche Begrenzung der Arsenale das Ziel der Verhandlungen ist, wird eine wirkliche Abrüstung dennoch nicht ins Auge gefaßt, sondern nur eine obere Limitierung an der Grenze, die zu überschreiten wegen der bereits vorhandenen Overkill-Kapazität als sinnlos erscheint. Ebensowenig wird an eine Einschränkung der Möglichkeit gedacht, Atomwaffen einzusetzen oder sie als politisches Instrument der Drohung zu benutzen; das werden sich die beiden Nuklearmächte nach wie vor als Ultima ratio vorbehalten.

Der Beginn der Gespräche ist an keinerlei politische Vorbedingungen wie einen Abzug der Sowjettruppen aus der Tschechoslowakei, eine Beilegung des Konfliktes in Vietnam oder eine Bereinigung der Nahostkrise geknüpft worden. Auch wird der Verhandlungsgegenstand nirgendwo mit politischen Problemen gekoppelt wie etwa, denen, die sich aus der Teilung Deutschlands und Europas ergaben. Die sowjetische Regierung hat die Aufnahme der Beratungen nicht einmal von der vorherigen Unterzeichnung des Atomsperrvertrages durch die Bundesregierung abhängig gemacht, wie früher gemutmaßt wurde. Ebensowenig stehen die Gespräche in irgendeinem erkennbaren Zusammenhang mit den sowjetisch-chinesischen Spannungen. Die beiden Atommächte bleiben in diesen SALT-Verhandlungen ganz unter sich – es geht allein um das ausschlaggebende Kräfteverhältnis im Bereich jener Waffensysteme, die über ihre Existenz als Supermächte entscheiden.

Eine Stabilität im Bereich dieser strategischen Atomwaffen läßt sich nur mit der Anerkennung der Parität zwischen den beiden anspruchsvollen Großmächten herbeiführen. Der Verhandlungsbeginn markiert insofern bereits eine historische Wende, als die Vereinigten Staaten ihren 25 Jahre lang gesicherten Anspuch auf eine nukleare Überlegenheit aufgeben und sich mit der Hinlänglichkeit (sufficiency eines annähernden Rüstungsgleichstandes abfinden. Damit wird eine fundamentale These des früheren Verteidigungsministers McNamara gerechtfertigt, der stets davon ausging, die Sowjetunion werde niemals über eine Begrenzung der strategischen Waffen verhandeln, solange sie den USA in diesem Bereich unterlegen sei. Die führenden amerikanischen Unterhändler in Helsinki, wie der Leiter der US-Rüstungskontrollbehörde, Botschafter Gerard Smith, der frühere stellvertretende Verteidigungsminister Paul Nitze und Botschafter Llewellyn Thompson, sind Anhänger dieses Fundamentalprinzips und haben es durch wechselnde amerikanische Administrationen unter Kennedy, Johnson und Nixon verfochten.

Beide Seiten treten mit tiefem Mißtrauen in diese Verhandlungen ein, da in den USA wie in der Sowjetunion Gruppen von rational denkenden Politikern mit dem in rein quantitativem Denken verhafteten Militärstrategen um die Zulässigkeit einer vereinbarten Rüstungsbegrenzung ringen. Dieses Mißtrauen nährt sich wechselseitig. Nach neuesten amerikanischen Informationen hat die Sowjetunion gerade in der letzten Phase vor der Aufnahme der seit drei Jahren angestrebten Verhandlungen ihr strategisches Potential gewaltig ausgebaut. Sie verfügt jetzt angeblich über 1350 Interkontinentalraketen (300 mehr als Amerika). Sie erprobt einen neuen schweren Bomber mittlerer Reichweite und eine neue landgestützte Mittelstreckenrakete. Sie beschleunigt die Installation der überschweren Fernrakete SS-9, die einen Sprengkopf von 25 Megatonnen oder drei Köpfe von je 5 Megatonnen befördern kann; dieser gesamte Ausbau der strategischen Streitkräfte wird zügig fortgesetzt. Viele amerikanische Planer befürchten daher, die UdSSR sei auf eine Atomrüstung für den ersten Schlag aus, mit dem gleichzeitig die strategischen Abschreckungswaffen Amerikas zerstört und seine Städte vernichtet werden können. Die Amerikaner wiederum gehen zur Installation von Poseidon und Minutemen III über, die mehrere Sprengköpfe tragen. Auch beabsichtigen sie, die Entwicklung eines neuen schweren Fernbombers mit Überschallgeschwindigkeit und die von Unterseebooten, die mit Interkontinentalraketen bestückt werden können.

Der Auftakt der Verhandlungen über eine Rüstungsbegrenzung fällt daher mit dem Auftauchen neuer fortgeschrittener Waffensysteme in beiden Nationen zusammen. Das wird die Gespräche beträchtlich erschweren, sie aber zugleich noch notwendiger als zuvor erscheinen lassen.