Von Diether Stolze

Die Erschöpfung ist allgemein. Nach einem 169 Tage währenden Streit um die Aufwertung der Mark sind nun alle froh, daß die Entscheidung gefallen ist. Bankiers, Industrielle und alle jene Politiker und Wissenschaftler, die in den Tagen um den 3. Mai mit ernsten Argumenten vor den Folgen einer Wechselkursänderung gewarnt haben, sind nach dem (viel drastischeren) Aufwertungsbeschluß vom 24. Oktober stumm geblieben. Proteste mag keiner mehr hören – also schickt man sich mit einem Schulterzucken ins Unvermeidliche.

Freilich ist auch die Begeisterung jener geschwunden, die viele Monate hindurch die Wechselkursmanipulation als eine Art Wundermittel gegen Preisauftrieb gepriesen haben. Nun ist nicht mehr davon die Rede, daß sich durch eine Aufwertung der goldene Weg in die Stabilität öffne. Nur noch eine "gewisse Dämpfung der Teuerungstendenzen" wird erwartet – und auch das nur "mittelfristig". Der Kanzler in seiner Regierungserklärung: "Der Höhepunkt der Preissteigerungen liegt noch vor uns." Allmählich setzt sich auch bei den Befürwortern der neuen Parität wieder die Erkenntnis durch, daß ein gewisser Anstieg der Lebenshaltungskosten der unvermeidliche Preis für eine beständig wachsende Wirtschaft ist.

Die Propagandisten der Stabilität werden also in den nächsten Monaten leiser werden, zumal unter ihnen die Enttäuschung darüber groß ist, daß die Bundesrepublik allein gelassen worden ist. Die klare Entscheidung aller anderen "aufwertungsverdächtigen" Länder, an ihren Paritäten festzuhalten, dürfte auch bei jenen, die in Währungsfragen unerfahren sind, Zweifel an den Segnungen einer Aufwertung wecken. Es wird kaum gelingen, die Deutschen davon zu überzeugen, daß die Regierungen Hollands, Belgiens, Italiens, Österreichs oder gar der stabilitätsbewußten Schweiz ihre Bürger schutzlos der "importierten Inflation" preisgeben. Eher schon werden sich die Bürger der Bundesrepublik die Frage stellen, ob nicht doch wir einen Fehler begangen haben, den uns keiner nachmachen wollte.

Doch es ist nicht die Zeit, alten Streit neu zu beleben. Karl Schiller hat Daten gesetzt – jetzt ist nicht mehr die Vergangenheit interessant, sondem die Zukunft. Zwei verschiedene Leitlinien künftiger Wirtschaftspolitik sind denkbar: Karl Schiller wird sich entscheiden müssen, ob er der Stabilisierung des Preisniveaus oder dem weiteren Wachstum der Wirtschaft Vorrang einräumt.

Eine Politik nach dem Motto "stability first" wäre eigentlich die einzig konsequente Folgerung aus der Aufwertung – jedenfalls, wenn man das Versprechen ernst nimmt, die Änderung des Wechselkurses solle dem Preisauftrieb entgegenwirken. Bundesbankpräsident Blessing hat denn auch in den letzten Wochen keinen Zweifel daran gelassen, daß er nach einer Aufwertung seine Dämpfungspolitik am liebsten entschieden fortsetzen möchte. Blessings Argumente sind überzeugend: Erst wenn das "heiße" Geld aus der Bundesrepublik abfließt, können die Kreditbremsen richtig greifen und so allmählich die Konjunktur auf niedrigere Touren bringen.

Der Bremsweg allerdings wäre lang: Eine wirkliche Stabilisierung des Preisindex ist frühestens zu erreichen, wenn der Boom gebrochen wird und infolgedessen vielleicht eine Million Arbeitsplätze überflüssig werden. Dann hätten wir wieder mehr Arbeitslose als offene Stellen, und einige hunderttausend Gastarbeiter müßten zurück in ihre Heimat. Vergessen wir nicht: Nur einmal in diesem Jahrzehnt ist der Anstieg des Preisindex unterhalb der 1,5 Prozent geblieben, die von der Bundesbank noch als "läßliche Sünde" angesehen werden – im Rezessionsjahr 1967, als 700 000 Menschen ohne Beschäftigung waren, Millionen andere mit sinkendem Einkommen lebten und überdies noch Angst um ihren Arbeitsplatz haben mußten.