Als der Kanzler zu jenem Teil seiner Regierungserklärung kam, der sich mit Bildung und Ausbildung, Wissenschaft und Forschung beschäftigte, wirkte die Opposition friedlich und fromm wie sonst selten. Es gibt inzwischen unter den Bildungsexperten aller Parteien einen Consensus, der sehr weit geht; und innerhalb dieses Consensus ist viel leichter nach Ländern zu differenzieren als nach Parteizugehörigkeit. Das gilt jedenfalls so lange, wie man sich hütet, harte Prioritätsfragen zu beantworten und allzuweit in die Details zu gehen.

Der Kanzler hütete sich. Oder darf man es als sein Setzen von Prioritäten verstehen, wenn er (Exkanzler Kiesinger fühlte sich dabei getroffen) sagte: "Die Schule der Nation ist – die Schule"? Aber auch die Wichtigkeit der Hochschulen wurde ja betönt und der Berufsausbildung und der Erwachsenenfortbildung. Es ist eben alles wichtig.

Am wichtigsten, neue Universitäten zu bauen. So konnte es scheinen, denn dazu wurde immerhin konkret gesagt: bevorzugt sollen diejenigen Universitätsprojekte gefördert werden, die innerhalb der kürzesten Frist realisierbar sind. Vernünftig, gewiß: denn es ist trotz allem, was dazu kommt, noch immer die Uberfüllung der Institute, die am meisten zur reduzierten Funktionsfähigkeit unserer Universitäten beiträgt.

Als vergleichbar konkrete Maßnahme für die Schulen wurde die Einführung des zehnten Schuljahres genannt. Auch sie ist höchst wünsehenswert, natürlich – aber sie provoziert doch sofort eine Gegenfrage, die der Kanzler unbeantwortet ließ und die dem zuständigen Bundesministerium wie den Länderkultusministerien noch viel Kopfzerbrechen machen wird. Sie lautet: Und wo sollen die qualifizierten Lehrer dafür herkommen?

Tatsache ist ja, daß in den meisten deutschen Oberschulen ein sachgemäßer und ausreichender Unterricht vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern nicht stattfindet. Tatsache ist, daß in den fortschrittsfreudigen Ländern jene Differenzierung, die den Weg zur Gesamtschule öffnen soll, nur auf dem Papier steht. Tatsache ist, daß überall zu viele Schüler in eine Klasse gehen. Tatsache ist, daß es für die notwendige Weiterbildung der Unterrichtenden vorerst nicht die geringste Chance gibt. Kurz: Tatsache ist, daß der Bedarf an Lehrern nicht annähernd erfüllt werden kann.

Tatsache ist auch, daß von den viel zu wenig Lehrern, die wir haben, wiederum nur ein kleiner Bruchteil geeignet und ausgebildet ist für die Art von Erziehung, wie sie den Bildungsplanern aller Parteien vorschwebt und die oft durch das Adverb "gesamt" charakterisiert wird, neuerdings auch gern durch "offen".

Gesamthochschulen und offene Schulen stehen in den Plänen der Bildungsreformer. Aber Papier ist geduldig. Die Wirklichkeit scheitert an den Lehrern. Wo es "offene Lehrer", "Gesamtprofessoren" gibt, sind sie einem glücklichen Zufall zu verdanken – und dem Zufall glückt nur selten etwas.