Von Wilhelm Treue

Als „freimütige Rechenschaft“ hat Waldemar Besson (ZEIT Nr. 41/69) Albert Speers „Erinnerungen“ bezeichnet. Wenige Wochen, nachdem dieses „als literarisches Zeugnis ... weit über dem Durchschnitt liegende“ Memoirenwerk erschienen ist, hat Willi Boelcke einen der wichtigsten Dokumentenbände vorgelegt, den es über Deutschland im Zweiten Weltkrieg gibt. Das Buch betrifft in erster Linie Hitlers Rüstungsminister Albert Speer, darüber hinaus aber das Dritte Reich überhaupt. Es verweist ganze Reihen von Memoiren und Darstellungen zur Geschichte dieser Jahre in die Makulatur – auch Teile von Speers Memoiren:

„Deutschlands Rüstung im zweiten Weltkrieg. Hitlers Konferenzen mit Albert Speer 1942 bis 1945“; hersg. und eingeleitet von Willi A. Boelcke; Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion, Frankfurt 1969; 495 S., 58,– DM.

Der 36jährige Speer, nach Hitlers Urteil ein „genialer Architekt“, wurde – für ihn selbst und alle Betroffenen höchst überraschend – am 8. Februar 1942 „zum Nachfolger von Minister Todt in allen seinen Ämtern“ ernannt, nachdem dieser bei einer Flugzeugkatastrophe umgekommen war. In den folgenden drei Jahren konnte der jüngste Reichsminister die größte Ämterkumulation zustandebringen, die es je im Dritten Reich gegeben hat. Er verdankte dies nicht nur seiner eigenen Tüchtigkeit und seinem Ehrgeiz, sondern auch dem Vertrauen seines Herrn und der Unfähigkeit seiner Kontrahenten. Es war eine Machtfülle, wie sie Hitler seinem präsumtiven Nachfolger Göring 1938 mißtrauisch verweigert hatte. Dem aktivsten, einfallsreichsten, am geschicktesten mit Zahlen jonglierenden und zähesten Manne in der Umgebung des Diktators fiel sie in kurzer Zeit zu. „Speers Herrschaft über das deutsche Wirtschaftspotential schob sich gleichrangig neben den politischen Machtapparat der Diktatur“, schreibt Boelcke (und Speer, so wissen wir aus seinen Memoiren, war kühn genug, sich als Nachfolger Hitlers zu fühlen).

Speer hat seine „Erinnerungen“ rund ein Vierteljahrhundert nach den Ereignissen geschrieben. Boelcke stellt ihnen die im Augenblick des Geschehens protokollierten Tatsachen gegenüber. Sein Buch enthält alle Aufzeichnungen über die 91 Konferenzen zwischen Hitler und Speer sowie dessen Vertretern: 28 aus dem Jahre 1942, 29 von 1943, 28 von 1944 und 6 vom ersten Quartal 1945: Häufiger als alle zwei Wochen kam es zu meist sehr langen Besprechungen, in denen alles behandelt wurde, was die Kriegswirtschaft im weitesten Sinne betraf – auch die Personalfragen. Ihre kriegsentscheidende Bedeutung über alle militärischen und politischen Beschlüsse, Leistungen und Fehlleistungen hinaus geht aus den Protokollen deutlich hervor. Politische und selbst wichtigste militärische Ereignisse wurden nicht im eigentlichen Sinne besprochen, ja, anscheinend meistens nicht einmal erwähnt: weder der Kampf und die Niederlage in Stalingrad noch die Invasion in Frankreich, weder der Umsturz in Italien 1943 noch der 20. Juli 1944.

Als Speer 1942 seine Ämter antrat, konnte er von der Wirtschaft her noch an den Endsieg glauben – teils weil er die Leistungsfähigkeit der deutschen und der alliierten Wirtschaft nicht genau übersah, teils weil weder das Ausmaß des alliierten Bombenkrieges noch die Regenerationskraft der Roten Armee vorausgesehen werden konnten. Infolgedessen haben die Protokolle von 1942 einen gewissermaßen friedlichen, konventionellen Ton: „Der Führer bittet“, er „wünscht“, er „legt Wert darauf“, er „glaubt, daß ...“. Im März 1942 begann die lange Geschichte des 100-t-Panzers, der schließlich 120 und sogar 150 t Gewicht erhalten sollte und am Ende als Materialverschwendung bezeichnet wurde. Erst im April 1942 wurde die „Friedensentwicklung bei der Automobilfabrikation“ eingestellt! Danach wurde noch darüber diskutiert, ob die Rüstungsindustrie mit rund 30 Prozent weniger Rohstoffen als im Jahre 1941 auskommen könne. Schlachtschiffe bis zu 100 000 t Größe wurden geplant, ein entsprechendes Trockendock in Norwegen ebenso in Auftrag gegeben wie der Ausbau von Donau-Schleusen im „Eisernen Tor“ für ein Verkehrsvolumen, das doppelt so groß sein sollte wie der Rheinverkehr. Hitler berauschte sich an der Planung einer 4-m-Spur-Eisenbahn, die im 200-km-Tempo zwischen Oberschlesien und dem Donezbecken verkehren sollte, und phantasierte über den (mit Südtirolern zu besiedelnden) „Reichsgau Krim“ mit Sewastopol als großer „deutscher Stadt“.

Im September 1943 begann Speer jenes Spiel mit Zahlen, das er schließlich zur Perfektion entwickelte und mit dem er Hitler, die Gauleiter – vielleicht auch sich selbst – Verhältnisse vorgaukelte, die den Tatsachen immer weniger entsprachen. Speer konnte sich der Möglichkeit, mit Statistiken alles zu beweisen, was bewiesen werden sollte, um so leichter bedienen, als er Kosten-, Preis-, Produktions-, Liefer- und andere Statistiken nach Bedarf mischte, um Hitler seine Tüchtigkeit und Unermüdlichkeit, den Gauleitern, Ministern und Militärs die Stärke deiner Stellung und seine Unersetzlichkeit zu demonstrieren.