ARD und ZDF, Dienstag, 21. Oktober: Wahl des Bundeskanzlers,

Die Wahl war spannend, die Reaktion der Gewinnenden maßvoll, die Gestik der Unterlegenen aufschlußreich: Wie Puppen saßen sie da, die meisten der christlich Meinenden, und konnten es nicht fassen, daß ihr Uhrwerk abgelaufen war. Es war doch immer weitergegangen, und jetzt diese Panne, dieser Betriebsunfall, der jählings stocken ließ, was von Natur her sich hätte ewig fortdrehen müssen. Wie Musterschüler sahen sie aus, denen ein mißgünstiger Lehrer bedeutet, daß sie nicht versetzt werden könnten, und ihr Verstummen schien zu bezeichnen: Es ist schimpflich und schandbar, die Macht zu verlieren; wer sitzenbleibt, ist gebrandmarkt; verspielt hat, wer im Kampf unterliegt. Deshalb sind auch die dreistesten Methoden billig, wenn es gilt, die Macht zu behaupten: Gestern das Angebot für die siebziger Jahre, heute mit der Vernichtung gedroht! Moral? Was heißt Moral! Es gibt nur eins, das unmoralisch ist auf dieser Welt; ausgeschlossen zu sein von Regiment und Herrschaft.

Mochte man Gesten sehen, am Morgen des 21. Oktober, die wenn schon nicht Einsicht, so doch wenigstens politische Schlauheit verrieten ... das Gesamtbild war trist, und deutlicher als jemals trat hier zutage, in welchem Ausmaß sich die Regierungspartei mit dem Gemeinwesen identifiziert hat und wie sehr, in dieser scheinbar aufgeklärten Zeit, die Vorstellung vom Gottesgnadentum nachwirkt: Einst himmlischer Wille, jetzt Wille des Wählers. Und immer die bösen Kräfte, die ihn verfälschen möchten, den Willen, und dort zu rechnen anfangen, wo das gute Volk, das wählt und will, angeblich längst entschieden hat! (Rein rechnerisch, numerisch, nur arithmetisch: Welche Verachtung von Kalkül und Rationalität spiegelt sich in diesen Worten, und wie verräterisch ist es, der Willenskundgabe des Volkes die handstreichgleichen Schachzüge der feindlichen Parteioberen entgegenzustellen!)

Bleiben muß, was immer war, was nicht gemacht, sondern gewachsen ist, heißt die Devise, der Sieg des Gegners bringt dem Gemeinwesen Schaden. Sagte man gestern, im Regiment, nur zu gerne: "Es muß auch Frösche geben, und nicht nur Störche", denn jedes Ding hat seinen Ort in Gottes Welt, so bemerkt man nun plötzlich, daß essen und gegessen werden zweierlei ist, und klagt, aus der Frosch-Perspektive, die Störche als Raubvögel an.

Nehmen wir Gerhard Schröder, nehmen wir ein Dutzend ehrenwerte Männer aus, so blieb, genau wie nach der Heinemann-Wahl, auf dem Bildschirm eine verbitterte Puppen-Schar übrig. Fürchtete man, das Volk könnte bemerken, daß die Autorität der Regierenden gar keine Autorität der Person, sondern nur der Amtsgewalt sei und also mit dieser aussterben werde? Das Interview mit dem Abgeordneten Kiesinger, Minuten nach der Wahl von Bundeskanzler Brandt, deutete an, daß dergleichen Furcht begründet sein könnte: Und dabei habe ich euch einen so schönen Kanzler gespielt, sagte der alte Mime, als er nach der Vorstellung bei der Straßenbahnhaltestelle anstehen mußte.

Momos