Von Karl II. Bonner

Das menschliche Sexualverhalten war und ist in allen Gesellschaften durch soziale Normen bestimmt. Die Eigenschaften "natürlich" und "normal" werden jenen Verhaltensweisen zugesprochen, die in der jeweiligen Gesellschaft zulässig sind.

Im klassischen Griechenland erwartete der Staat, zumal bei den Dorern, von jedem Mann, daß er sich einen Jüngling als Freund und Liebhaber halte, damit beide die männlichen Tugenden optimal entfalten könnten. Herodot (5. Jahrhundert v. Chr.) berichtete, daß jede Babylonierin sich einmal in ihrem Leben im Hain der Istar niedersetzen mußte, um sich dort von den in Scharen zum Feste der Fruchtbarkeitsgöttin ziehenden Männern zum Beischlaf auswählen zu lassen. Diese einmalige Tempelprostitution, die auch im alten Testament erwähnt wird, muß mindestens ein halbes Jahrtausend üblich gewesen sein, da Strabon (63 v. Chr. bis 20 n. Chr.) sie bestätigt.

Die heute noch lebenden Hopi-Indianer haben mit Eseln, Hunden, Pferden, Schafen und sogar Hühnern sexuellen Verkehr. Bei den Sinoa in Afrika üben alle jungen Männer analen Verkehr untereinander aus.

Menschen aus den unteren Einkommens- und Bildungsschichten in den Vereinigten Staaten haben häufig vorehelichen Geschlechtsverkehr, empfinden es aber als ungehörig, sich dabei völlig zu entkleiden, während in den höheren Schichten das sexuelle Erleben vor der Ehe den eigentlichen Geschlechtsakt oft ausschließt, die Lust aber gerade am Körper des Partners gesucht wird.

Mit solchen Aufzählungen ließen sich Bücher füllen. In jedem der hier aufgezeigten Fälle empfanden die Menschen ihr Verhalten als "natürlich" und "normal". Wir müssen daher feststellen, daß Sexualverhalten immer ein Sozialverhalten ist, das von kulturellen Normen bestimmt ist. Der Wandel sexueller Normen bedingt daher immer auch eine Veränderung anderer Wertvorstellungen und damit auch einen gesellschaftlichen Wandel.

In unserem Lande haben sich die unterschiedlichsten Kräfte der "sexuellen Befreiung" verschrieben. Die industrielle Entwicklung führte zur Auflösung der Großfamilie, damit zur Emanzipation der Frau. Die Frau, die bei den Kirchenvätern als "das Tor zur Hölle und Mutter aller menschlichen Übel" galt, wird immer deutlicher Partnerin des Mannes. Die eheliche Treue der Frau, die durch die Sexualverdrängung in der vorehelichen Keuschheitsforderung gesichert wurde und dem Ehemann die Bürgschaft geben sollte, daß er für "sein eigen Fleisch und Blut" schaffte, hat mit den Empfängnisverhütungsmitteln, aber besonders durch die ökonomische Entwicklung diesen Sinn verloren.