Von Jürgen Werner

Das Spiel in Hamburg zwischen Deutschland und Schottland, dessen Ausgang über die Qualifikation für die Weltmeisterschaft im Juni 1970 in Mexiko entschied, bedeutete mehr als ein sportliches Ereignis. Es wurde zum Politikum im weitesten Sinne dieses Wortes, nicht etwa, weil das völkerverbindende Element des Fußballs so dominierend wäre – diese Fiktion ist anachronistisch in einem Zeitalter, das als Kriegsgrund ein Fußballergebnis wie zwischen Honduras und El Salvador registriert oder etwa die Schlacht zwischen Deutschen und Schotten im Volksparkstadion in Hamburg enthusiastisch als "Spiel des Jahrhunderts" feiert. Willi Schulz, Symbol eines Fußballarbeiters, artikulierte diese von aller Ideologie freie Einstellung: "Gilzean (sein direkter Kontrahent im Spiel) spricht nicht deutsch, ich nicht englisch, Eine Unterhaltung wäre albern, es käme nichts dabei heraus."

Dennoch stimmt die Behauptung, das Spiel sei ein Politikum gewesen. Noch nie bewegte ein Fußballspiel nicht nur die deutsche Öffentlichkeit mit solcher Intensität. Fernsehübertragungen nach Guatemala, Venezuela, Peru und Mexiko – von den Direktsendungen in europäischen Ländern ganz abgesehen – dokumentierten das weltweite Interesse. 88 Prozent aller Bürger der Bundesrepublik, die ein Fernsehgerät besitzen – das ergab eine Blitzumfrage der Wickert-Institute in Tübingen nach dem Spiel –, sahen das Spiel als Direktübertragung. Nie zuvor hatte eine Fernsehsendung diese Erfolgsquote. Journalisten und interessierte Beobachter aus 20 Ländern waren angereist, politische Prominenz wie etwa der neue Verteidigungsminister Helmut Schmidt versäumten nicht, ihre enge Verbundenheit zum Sport zu demonstrieren, und natürlich fehlten nicht die Intellektuellen, deren "mens sana" das "corpus sanum" der Fußballspieler ins rechte Licht rückte.

Die Faszination war vollkommen, als die beiden Mannschaften die Szenerie betraten, die 72 000 Menschen direkt, Millionen per Fernseher fixierten. Die Präliminarien hatten einen so breiten Raum in allen Publikationen eingenommen, daß die Information selbst für den Laien total war. In der Theorie schien kein Platz für Überraschungseffekte hinsichtlich Taktik, Kondition und Form der Mannschaft oder einzelner Spieler. John Blair, Journalist der Glasgower Zeitung "The People", schrieb: "Das heutige Spiel wird ein Kampf der modernen taktischen Einstellungen sein. Nicht nur die taktischen Spielzüge beider Manager, Schön und Brown, sondern auch der Taktik der Spieler auf dem Feld. Denn die Spieler haben selbst eine Verantwortung."

Betrachtet man das Spiel unter diesem Aspekt, bieten das Spiel der deutschen Mannschaft und die taktischen Konsequenzen ihres Trainers Anlaß zur Kritik. Wertet man allein das Ergebnis – so wie Helmut Schön es zunächst forderte –, bleibt die Skepsis, daß dieses Argument auch einmal gegen ihn verwendet werden könnte.

Die wörtlichen Zitate der Spieler ein paar Stunden nach dem Kampf und ihre Interpretation von Spielabläufen deuten darauf hin, daß ein Konzept wohl existierte, Spieler und Mannschaftsführung aber wenig flexibel reagierten. Von Konsensus ganz zu schweigen. Fichtel erklärte auf Befragen, daß er gegen den Schotten Cormack, die Nummer 8, spielen sollte. Als dieser aber seinerseits sich der Deckung Hallers widmete, brauchte Fichtel einige Zeit, "um sich zu orientieren". Die Aufstellung Hallers nominell als Linksaußen – mit der Aufgabe, Uwe Seeler und Gerd Müller einzusetzen – implizierte den freiwilligen Verzicht auf die Besetzung des Raumes auf der linken Seite.

Bobby Brown, Schöns Antipode, kannte seinen Schlieffen. Getreu dessen Motto ließ er den rechten Verteidiger der Schotten, Greig, durch Hallers Aufgaben im Mittelfeld frei geworden, permanent mitstürmen. Ein genialer Plan, dem allein der letzte Erfolg fehlte: ein weiteres Tor der Schotten.