Von Hansjakob Stehle

So ruhig, daß selbst der Anflug von Ironie durch Höflichkeit ganz verdeckt war, hat das Belgrader Parteiorgan "Kommunist" vor kurzem bei den Ostberliner Genossen angefragt, ob ihrer Aufmerksamkeit wohl jenes Papier entgangen sei, das Ende September von der "Frankfurter Allgemeinen" als offizielles, wenn auch internes SED-Dokument enthüllt worden war: eine der bösesten Anklagen gegen Titos Reform-Kommunismus, die man seit der Kominform-Resolution von 1948 gelesen hat.

Dennoch hatte sich Tito nicht hindern lassen, beim DDR-Jubiläum seine Glückwünsche abzugeben, ja einen Vertreter zu den Feiern zu entsenden, er hat seit dem Belgrad-Besuch des sowjetischen Außenministers Gromyko Anfang September keine Gelegenheit verstreichen lassen, seinen Wunsch nach besseren Beziehungen zu den Warschauer-Pakt-Ländern zu plakatieren, am deutlichsten am 10. Oktober in Zagreb, wo er seine jugoslawischen Genossen ermahnte: "Wir müssen über Meinungsverschiedenheiten – wenn es solche gibt – in ruhiger und prinzipieller Weise sprechen..."

Was hat Jugoslawien veranlaßt, nach dem manchmal fast übertrieben wirkenden Aufschrei des letzten Jahres plötzlich wieder leise zu treten und ein so einschneidendes Ereignis, wie die ČSSR-Intervention nur noch mit Schwierigkeiten, "deren Ursachen wir deutlich erläuterten" (Tito), zu umschreiben? Es gibt Anzeichen dafür, daß gerade jene interne Sprachregelung der SED, die ja die Moskauer Sicht wiedergab, in Belgrad mehr erschreckt hat, als nach außen sichtbar wurde. Wenn da behauptet wurde, die jugoslawischen Kommunisten entwickelten sich "zu einer Art Sozialdemokraten", ihr Selbstverwaltungssystem sei eine "rückständige Utopie", ihre Partei habe sich "faktisch von der Arbeiterklasse getrennt" und vertrete eine "opportunistisch-nationalistische Plattform", so haben solche Vorwürfe seit dem 21. August 1968 ihr Gewicht. Das Fatalste an ihnen ist, daß sie aus der Sicht eines doktrinär verstandenen Marxismus-Leninismus einige Körner Wahrheit zu enthalten scheinen. Niemand in Jugoslawien empfindet das wohl so gewissensgrüblerisch wie Tito selbst. Er, der eine der großen alten Figuren des Weltkommunismus geblieben ist und nie zum Ketzer geworden wäre, wenn ihn Stalin nicht dazu getrieben hätte – er betrachtet von jeher vieles, was in seinem Lande unter der Parole "Reform" geschieht, mit kritischen Augen, nicht selten auch mit Mißbehagen.

Beim letzten Parteikongreß im Frühjahr hat er das durchblicken lassen, zugleich aber auch zugegeben, daß er keinen anderen Weg als den der Reform kennt. Wie oft schon in den letzten zwanzig Jahren trat Tito auch jetzt in dem Augenblick auf die ideologische und außenpolitische Bremse, als sich in Jugoslawiens innerer- und wirtschaftlicher Politik Krisensymptome zu häufen begannen.

Der Ausbruch des Antisowjetismus, wie er in Jugoslawien vor einem Jahr zu beobachten war, hatte zwar den reformerischen Kräften in der Partei zunächst in die Hände gearbeitet, zugleich aber hatte er versteckten Gegnern Titos, sowohl verkappten Altstalinisten wie konsequenten Liberalen, Möglichkeiten geboten. Das in vielem noch unausgereifte jugoslawische Modell einer sozialistischen, doch nicht mehr zentral geplanten und gelenkten Gesellschaft war dadurch in widerspruchsvolle Bewegung geraten; latente Konfliktstoffe hatten sich in diesem Klima aktiviert. Das hatte sich in provinzielllen nationalistischen Reibungen bemerkbar gemacht, zuletzt in dem zur Prinzipienfrage hochgespielten Streit zwischen der slowenischen Landesregierung und der Belgrader Bundesregierung um Straßenbaugelder.

Dann entstand im Sommer ein – an sozialistischen Maßstäben gemessen – in der Tat erstaunliches Problem: 57 Prozent aller Betriebe Jugoslawiens waren in solche finanziellen Schwierigkeiten geraten, daß sie nicht mehr wußten, wie sie die Löhne bezahlen sollten – eine der negativen Rückwirkungen positiver Reformen. Jugoslawien ist immerhin mit zwei Milliarden Dollar im westlichen Ausland verschuldet, sein Außenhandelsdefizit ist auf fast sechs Milliarden Dinar gestiegen, obwohl es zum Beispiel in diesem Jahr 300 Millionen Dollar Einnahmen durch Touristen und weitere 300 Millionen Dollar durch "Export" von Arbeitskräften erwarten kann. (Ende Oktober arbeiteten allein in der Bundesrepublik 264 000 Jugoslawen). In den letzten anderthalb Jahren haben westliche Unternehmen in Jugoslawien 120 Millionen Dollar investiert.