Und ewig singen die Rebellen – Seite 1

Von Wolf Donner

Der Film der osteuropäischen Länder kommt stoßweise in den Westen. Es gab eine Welle des polnischen, des jungen russischen, des tschechoslowakischen, des jugoslawischen Films.

Nun melden sich drei neue sozialistische Länder zu Wort: In der Berliner Kinemathek wurde der bulgarische, im Münchner Occam-Studio der rumänische, in der Lupe der Frankfurter Nordweststadt der ungarische Film mit ihren jeweils neuesten Produktionen vorgestellt.

Die Vermutung drängt sich auf, daß der steigende Filmexport parallel zu sehen ist mit politischen Bewegungen in dem betreffenden sozialistischen Staat. Von den Ungarn etwa weiß man, daß im Gegensatz zum augenblicklichen Image ihrer Regierung und zu einer besonders gegenüber der Bundesrepublik eher streng dogmatischen als progressiven Außenpolitik die innere Demokratisierung fortgeschrittener ist als bei manchen ihrer Nachbarn.

Seit ein paar Jahren gehören ungarische Filme zum Bestand der internationalen Festivals. Für Deutschland hat 1968 zum erstenmal der Verband der Deutschen Filmclubs in Essen die neuen ungarischen Produktionen präsentiert; das Wochenende in Frankfurt hat die Erwartungen an das neue Filmland bestätigt.

Lange stand der ungarische Film in dem Ruf, seine zu lokal gebundene Thematik, sein Umkreisen eines spezifisch ungarischen Sozialismus stehe dem Verständnis und damit der Kauflust anderer Länder im Wege. In Frankfurt hatte man diesen Eindruck nicht, wenngleich bei osteuropäischen Filmen die Gefahr naheliegt, sich an ein "Allgemein-Menschliches" zu halten, das immer und überall akzeptabel und anwendbar ist, ohne den dort manifesten, hier aber in die Unverbindlichkeit abrutschenden sozialkritischen Impetus zu berücksichtigen. Doch dieser Vorwurf wird auch in der internen ungarischen Diskussion ständig vorgebracht.

Drei Themenkreise tauchen in den ungarischen Filmen immer wieder auf. Einmal die im ganzen Osten gepflegte und honorierte Vergangenheitsbewältigung, die Vergegenwärtigung der Errichtung des sozialistischen Systems, das Beschwören ländlich-folkloristischer Tradition. Gerade der letzte Bereich wird aber keineswegs nur mehr erdig-schwer, mit sentimentalen Landschaftstotalen, alten Mütterchen am Brunnen oder Tanz und Gesang dokumentiert, er ist. vielmehr längst dem ironischen Zitat, dem Spott, sogar heftiger Kritik ausgesetzt.

Und ewig singen die Rebellen – Seite 2

Ein ungarischer Geschäftsmann in Kovács’ Film "Wände" etwa sieht zufällig in Paris solch einen Heimatschinken und findet es "Wahnsinn, solche Filme ins Ausland zu schicken. Das ist wirklich" unerträglich". Seine Kollegen in Budapest witzeln währenddessen auf einer Party über eine entsprechende Fernsehsendung. In einem anderen Film, "Das Mädchen", diffamiert die zweitägige bloße Anwesenheit eines unehelichen Kindes in einem Dorf die bäuerliche Honorigkeit und moralische Strenge als leere Form und Heuchelei.

Ein zweites Grundthema ungarischer Filme ist die Haltung einer Jugend, die das moderne Stadtleben dem Dorf vorzieht, die von der bestehenden Erwachsenen-Welt so wenig hält wie westliche Jugendliche von der Gesellschaft, in der sie leben, die schließlich einen Generationskonflikt provoziert hat, der anders als bei uns durch den historischen Riß der sozialistischen Revolution geprägt wurde und sich daher politisch konkreter artikuliert, stärker fixiert bleibt an die gegebene politische Wirklichkeit.

Das führt zur dritten und häufigsten thematischen Gattung, der Frage nach Sinn und Wert des Sozialismus heute. Da werden immer wieder alltägliche Arbeitswelt und Innerbetriebliches durchleuchtet, wird nach dem Stellenwert des betont individuellen, persönlichen Lebensbereiches innerhalb der sozialistischen Gesellschaftsstruktur gefragt. Die Vielfalt formaler Lösungen in der Beantwortung gerade dieser Fragen bezeugt das hohe Durchschnittsniveau des neuen ungarischen Films.

Es gibt realistische, um Authentizität bemühte Versuche, das alltägliche Milieu des industriellen Arbeitsplatzes zu inszenieren, besser: zu dokumentieren (Pál Gabor: "Verbotenes Gebiet"). Dieser Betriebsalltag kann auch humorvoll skizziert werden als ein Kollektiv vieler einzelner mit ihren kleinen menschlichen Schwächen und Verrücktheiten (Livia Gyarmathy: "Kennen Sie Sunday-Monday?" In "Wände" konfrontiert Andräs Kovács einen Kreis intellektueller Industriemanager mit der angekündigten Entlassung eines Kollegen. Endlose Diskussionen der Angestellten im Werk und auf Partys, der Betriebsleitung, der Frauen, des Gegenspielers in Paris mit einem Emigranten von 1956 umreißen Probleme der Zivilcourage, des beruflichen Ehrgeizes und der Opportunität, der Gefahren eines sozialistischen Establishments. Dieser betont intellektuelle Film, formal unerheblich, hat in Ungarn ein lebhaftes Echo ausgelöst und ist im europäischen Ausland berühmt geworden.

Ein krasser Gegensatz dazu: Miklós Janksós "Schimmernde Winde", der den Zusammenprall einer Gruppe junger revolutionärer "Volkskollegisten" (begabte Jugendliche, denen nach dem Krieg Ausbildung und Studium ermöglicht werden sollten) mit Klosterschülern zeigt. Jankso hat den Tick, zehn Minuten lange schnittlose Phasen zu drehen, also ewig mit der Kamera um seine Figuren und Gruppen zu rotieren. Das ist so perfekt und bruchlos gemacht, daß es manchmal den Eindruck des unfreiwillig Komischen, einer starren prätentiösen Choreographie bekommt. Überhaupt ist bezeichnend, daß viele ungarische Filme der Gefahr einer aufgesetzten Ästhetisierung und Poetisierung, eines mehr künstlichen, manieristischen statt eines künstlerisch durchgeformten Stils erliegen.

Auch Jankso gibt vor, sozialistische Gegenwart in ihrer internen Auseinandersetzung zu analysieren. Sein Film wirkt eher verlogen und wie eine ungarische Variation der westlichen Spielereien mit dem Lieblingsthema Revolution: Ständig singen und tanzen seine Rebellen historischen Sozialismus, mimen sie penetrant Kameradschaft und jugendliche Unbekümmertheit, rebellieren und taktieren und diskutieren sie wie im Märchenbuch, einem großen, bunten jedoch, mit viel Juchhei und Gelächter und Schulter-Umfassen und strahlenden Gesichtern – eine sozialistische Sing-out-Gruppe, eine Revolutions-Operette. Das ZDF hat den Film angekauft.

Auch drei, weitere der in Frankfurt gezeigten Filme wird das Fernsehen ausstrahlen. Hoffentlich findet bald auch ein Verleih Interesse an den neuen ungarischen Produktionen. Es wäre schade, ihnen ähnlich wie den jugoslawischen wieder ausschließlich auf dem Bildschirm zu begegnen.