Salopp könnte man sagen: Plisch wird seine in der Großen Koalition begonnene Wirtschaftspolitik mit einem anderen Plum fortsetzen. Plisch – das ist immer noch Karl Schiller; der neue Plum ist Alex Möller, von dem man im Augenblick nur sagen kann, daß er sich – offenbar in bewußtem Understatement – als Finanzierungsgehilfe des Wirtschaftsministers bezeichnet hat. Vergebens werden selbst böswillige "Kapitalisten" der neuen Regierung zu unterstellen trachten, ihr wirtschaftspolitisches Programm sei rot oder auch nur rosa.

Vergebens wird man auch nach Sensationen in den wirtschaftspolitischen Passagen der Regierungserklärung Willy Brandts fahnden. Diese Passagen tragen eindeutig Karl Schillers Stempel. Die Sensation war der Regierungserklärung schon vorausgegangen: der hohe Aufwertungssatz von knapp 9,3 Prozent, mit dem sich der Wirtschaftsminister in eine für seine Strategie des wirtschaftlichen Wachstums "nach Maß" vorteilhafte Position hineinkatapultieren wollte.

In der Tat sind die Weichen für den Fall eines ausreichenden Bremseffektes der Aufwertung schon wieder auf maßvolle Expansion gestellt: Expansion nicht im Außenhandel, sondern auf dem heimischen Markt. So jedenfalls sind die beiden ersten der fünf Punkte zu verstehen, die Bundeskanzler Brandt unter das Motto "Stabilisierung ohne Stagnation" stellte: Erstens eine Finanzpolitik, die eine allmähliche Umorientierung des Güterangebotes auf dem Binnenmarkt fördert; zweitens Konsultationen mit der Bundesbank über eine nach der Aufwertung angemessene Linie der Geld- und Kreditpolitik.

Beide Punkte bedeuten nichts anderes, als daß Gemeinden, Länder und Bund grünes Licht für höhere Ausgaben erhalten und am Binnenmarkt für jene zusätzliche Kaufkraft sorgen sollen, die es den exportorientierten Industrien ermöglicht, künftig mehr daheim zu verkaufen als auf den Weltmärkten. Und die Konsultationen mit der Bundesbank laufen offensichtlich auf eine schrittweise Freigabe von Geld hinaus, das den Banken als Mindestreserve bei der Bundesbank entzogen worden war. Nach der überraschend hohen Aufwertung kann Schiller mit einem Gleichklang in der Frankfurter Taunusanlage rechnen. Und das bedeutet: Eine Krise im Stile des Jahres 1966 wird es diesmal nicht geben.

Weniger harmonisch dürfte es dagegen künftig in der Konzertierten Aktion hergehen, jenem regelmäßigen Treffen des Wirtschaftsministers, der Unternehmer, der Gewerkschaften und künftig auch der Bauern, in dem die Lohnpolitik vereinbart werden soll. Die Konzertierte Aktion, dritter Punkt des Programms, hatte zwar in der Krise gut funktioniert, als sich die Gewerkschaften aus Furcht vor Arbeitslosigkeit in ihren Lohnforderungen beschieden, ob dies aber auch in Zukunft der Fall sein wird, das erscheint fraglich. Die Gewerkschaften haben jetzt ihr eigenes programmiertes Konzept für den künftigen Lohnfortschritt, das den Schillerschen Vorstellungen von einer sozialen Symmetrie, von einem Gleichschritt der Unternehmer- und Arbeitnehmereinkommen zuwiderläuft. Die Gewerkschaften wollen mehr. Der SPD-Professor könnte also unversehens in die Lage kommen, mit den Unternehmern gegen zu hohe Lohnforderungen der Gewerkschaften zu Felde ziehen zu müssen.

Während des Wahlkampfes hat die CDU die SPD und besonders den Wirtschaftsminister verdächtigt, er wolle mit seiner "Globalsteuerung" in die Totalsteuerung der Wirtschaft hineinschlittern. Schiller hat längst gekontert. Sein Stichwort ist Wettbewerbspolitik. Der Minister hat sich in diesem Falle am englischen Beispiel orientiert. Dort gibt es eine staatliche Monopolkommission, die jeder größeren Fusion von Unternehmen zustimmen muß. Schiller möchte ebenfalls eine vorbeugende Fusionskontrolle, um den Wettbewerb in der Wirtschaft zu erhalten. Besser, im Sinne der Ordo-Liberalen, hätte auch Ludwig Erhard, dem Wettbewerb alles war, nicht agieren können.

Selbst dort, wo am ehesten sozialistische Prinzipien verwirklicht werden könnten, in der Steuerpolitik, der Vermögensbildung und der Mitbestimmung gibt es kaum Ansätze zu konservativer Kritik am Regierungsprogramm der neuen Regierung. Gebremst durch den Einspruch der FDP wird die Kleine Koalition in der Frage der Mitbestimmung gerade das befürworten, was schon viele Unternehmer als überfällig betrachten – den Ausbau des Betriebsverfassungsgesetzes. Durch Absprache haben sich die Koalitionspartner darauf eingeschworen. Willy Brandt ging mit keinem Wort darüber hinaus.