Von Dieter E. Zimmer

In Westjütland wurde unlängst eine Gedenktafel angebracht. "Hier ruht", so lautet die Inschrift, "das dänische Schamgefühl, hingemordet im Juni 1969. Es wird auferstehen, wenn die Seele unseres Volkes neu erwacht."

Der Mord, auf den die Urheber der Tafel anspielten, war ein Beschluß des dänischen Parlaments. Mit Vier-Fünftel-Mehrheit hatte es zum 1. Juli dieses Jahres die bildliche Pornographie legalisiert, in der möglicherweise vorschnellen Annahme, der Satz "Was verboten ist, das macht uns gerade scharf" bleibe umgekehrt ausgedrückt ebenso richtig: Was erlaubt sei, mache uns gerade schlaff. Es war keine Entscheidung für das Lustprinzip, und erst recht nicht für jene Formen und Normen der Lust, die von der kommerziellen Pornographie propagiert werden; es war eigentlich und paradoxerweise eine Maßnahme zur Eindämmung, zur Bekämpfung der Pornographie durch ihre Lizensierung.

Sie trug Dänemark inzwischen den Spitznamen Pornomark ein. Rund zweihundert dänische Firmen sind angeblich in der P-Branche tätig. Ihr Jahresumsatz wurde auf 500 Millionen Mark geschätzt; ein gutes Fünftel davon bestreitet der Export in die Bundesrepublik;

Und jetzt wurde der Industrie von einer Werbeagentur ihre erste Messe ausgerichtet. Sechs Tage lang drängelten sich etwa dreißigtausend Besucher, vorwiegend männlichen Geschlechts und teilweise mit Sonderomnibussen, etwa aus Hamburg, angereist, durch eine sonst vorwiegend dem Handball vorbehaltene Sporthalle des Kopenhagener Ballklubs, wo reichlich vierzig Aussteller zeigten, was sie zu bieten haben.

Es war "Verdens Forste Sexmesse", die erste Sex-Messe der Welt, "Sex 69" genannt, in "dem meist hervorgeschrittenen Zentrum Europas", wie es in dem häufig unbesorgt krausen Deutsch der dänischen P-Literatur heißt – und es werden ihr, laut Auskunft der betreffenden Werbeagentur, entgegen den Ankündigungen noch im Prospekt keine weiteren folgen: "Wir leben von neuen Ideen und nicht von den Wiederholungen alter. Und jetzt werden wir uns mal etwas anderes einfallen lassen."

Was da, wiederum laut Katalog, den Besuchern zur "Freude und Inspiration" "auf einem seriösen Plan", nämlich auf einem Hallenhandballfeld vorgeführt wurde, in einer Atmosphäre, die wenn an irgend etwas, dann halb an einen Provinzjahrmarkt, halb an ein orthopädisches Fachgeschäft erinnerte, eingehüllt in Lärm rivalisierender Musiken und vervielfältigten und verstärkten brünstigen Ächzens, war vielleicht nicht eben zur "Vergnügung" geeignet, aber seriös war es bestimmt. P-Schmuck. Unterwäsche, die angeblich aufreizend wirkte. Massagegeräte. Fesseln. Peitschen, Keuschheitsgürtel. Die Erzeugnisse einer erfindungsreichen Gummi- und Plastikindustrie. Und eher zurBeflügelung des Geistes: P-Magazine zu Tausenden, für alle Vorlieben, "durchaus frech", na ja, und ebenso bunt wie eintönig. Dias. Geräuschplatten. Filme. Als Novität und zum Zeichen, daß auch diese Industrie dem technischen Fortschritt aufgeschlossen ist, Tonfilme, etwa die Colormeisterwerke einer Firma namens Pornophone, in denen ungerührte – oder vielmehr: die Rührung etwas zu mechanisch markierende – Akteure in den Kft.-Wohng. gutsit. Frohnat. zu viel klassischer Musik (Beethoven, Chopin) und synchronen Naturlauten ihre Akte vorturnen. Ohne Aufwand ist da realisiert, worauf unsere einheimische Sexfilmindustrie eigentlich hinauswill, aber nicht darf. Natürliche Nuditäten fehlen.