Die Zahl der sogenannten Börseninformationsdienste wächst von Woche zu Woche. Sicherlich kein schlechtes Zeichen; denn besser kann das wachsende Interesse der Sparer am Wertpapier kaum dokumentiert werden. Andererseits stellt diese Flut eine unübersehbare Kritik an der Beratungspraxis der Kreditinstitute dar, in deren Händen bislang nahezu ausschließlich die Betreuung der Wertpapiersparer gelegen hat.

Wenn sich jetzt sehr ernsthaft die Vorstände der deutschen Börsen – also Mitglieder namhafter Kreditinstitute – mit dem Problem "Informationsdienste" befassen, dann mit Sicherheit nicht aus Futterneid. Denn es kann kein Zweifel. bestehen: Die Börseninformationsdienste – oder auch Tip-Blätter – sorgen für zusätzliche Wertpapierumsätze, an denen Börsenmakler und Kreditinstitute verdienen. Von dieser Seite her betrachtet müßten Banken und Sparkassen den Diensten sogar dankbar sein, auch wenn sie ihnen das Beratungsmonopol durchlöchert haben.

Das Ärgernis liegt auf einem anderen Feld, in den gezielten Kaufempfehlungen. Betreffen sie Standardaktien mit breitem Markt, sind sie ungefährlich. Wird aber zum Kauf einer Aktie geraten, die nur noch "in wenigen Stücken" im freien Handel ist, wird die Sache heikel. Die auf publizistische Weise geschürte Nachfrage kann schon aus technischen Gründen nicht befriedigt werden, mit der Folge, daß es in dem empfohlenen Papier zu Kurssteigerungen kommt, die mit den wirtschaftlichen Fakten nichts mehr zu tun haben.

Nun könnte man sagen: An der Börse muß jeder das Recht haben, auch falschen Propheten nachzulaufen, wenn er bereit ist, die finanziellen Konsequenzen dafür zu tragen. Doch hier liegt der wunde Punkt. Es wird nämlich befürchtet, daß für die Folgen leichtfertiger Kaufempfehlungen eines Tages nicht die Informationsdienste verantwortlich gemacht werden, sondern daß die Enttäuschten dem Wertpapier den Rücken kehren, weil sie es für eine unseriöse Sparform halten.

Doch die Verantwortlichen im deutschen Börsenwesen beraten nicht nur darüber. Sie versuchen herauszubekommen, was an den Gerüchten über angeblich unlautere Machenschaften einiger Dienste oder der bei ihnen Tätigen richtig oder falsch ist.

Um was geht es? Aufmerksame Börsenbeobachter wollen festgestellt haben, daß es Leute geben muß, die so rechtzeitig von den Kaufempfehlungen einiger Dienste Wind bekommen, daß sie in der Lage sind, sich vorher mit den betreffenden Papieren einzudecken. Erscheint dann der Börseninformationsdienst und erteilen seine Abonnenten nach den Ratschlägen die Kaufaufträge, dann sind die "Insider" in der Lage, ihre vorgekauften Papiere bereits wieder mit Gewinn abzustoßen.

Hier taucht also das Börsen-Insider-Problem in einer neuen Variante auf. Wir wollen urs aber darüber im klaren sein: Mit gesetzlichen Vorschriften ist hier ebensowenig zu machen wie bei den Insider-Informationen aus Aufsichtsräten, Vorständen, Banken und Sparkassen.